Sonntag, 24. Oktober 2010

schlucken


Seit dem Morgen saß sie hier am Tisch, dessen Hässlichkeit das zu kleine Stück Stoff nur notdürftig bedeckte.
Auf dem Kunststoffbrett mit den unzähligen Schnitten fremder Messer lag die Graubrotscheibe und rollte sich langsam trocknend an den Rändern auf.
Der Kaffee stand seit Stunden in der Glaskanne auf der Warmhalteplatte und hatte einen herb-bitteren Geschmack, den sie mit reichlich Milch verdünnte.

Sie hatte in der Firma angerufen, irgendetwas von Hexenschuss erzählt.
Ja, morgen wäre sie wieder da, bestimmt. Und nein, das hätte sie nicht öfter, zum ersten Mal.
Als wenn ihr nicht bewusst wäre, wie blöd es war in den ersten Wochen gleich krank zu werden. Aber sie wollte nur diesen einen Tag, einmal durchatmen, niemanden sehen, nicht funktionieren müssen.

Ein paar Mal war sie mit dem Kaffee in der Hand durch die Wohnung gewandert, die sie gern ihr zuhause genannt hätte.
So weit war sie noch nicht, dafür war die Mischung aus ihr völlig fremden Gerüchen noch zu aufdringlich.
Außer der weißen Farbe war nichts neu hier, nichts ihr eigen.
Lieber hätte sie sich ihr neues Leben neu eingerichtet, nur blieb ihr dafür nicht genug Zeit.
Hätte sie ihre Ansprüche bei der Behörde geltend gemacht wäre es sicher um einiges leichter gewesen, aber sie wollte nichts erklären, sich nicht schon wieder klein gemacht fühlen.
Dafür steckte ihr das Mantra der Wertlosigkeit - kannst nichts, hast nichts, bist nichts - noch zu sehr in den Knochen.
Jetzt ging es ihr darum zu beweisen dass dem nicht so war.

Das sie nichts hatte war noch ziemlich offensichtlich, nur das nötigste aus dem Gebrauchtmöbelladen.
Bett, Schrank, Tisch, Stuhl, zwei Sessel und ein Regal.
Die Sessel waren ein Paar gewesen und sie hatte es nicht fertig gebracht sie auseinander zu reißen, wie sie in ihrem leicht abgeschabten Charme dort nebeneinander gestanden hatten.
Ein paar Dinge für den alltäglichen Gebrauch, unpaariges Geschirr, mit abgestoßenen Kanten, an denen sie nicht Schuld war.

Hinüber gerettet hatte sie nicht viel, außer Kleidung, ein paar alte Bücher und den Garderobenständer an dem sie seit ihrer Jugend hing, über den er immer nur geflucht hatte, weil er so kibbelig stand.
Bei den Fotos hatte sie noch überlegt, aber dann entschieden, dass sie die Erinnerung nicht wert waren, sie die wohl sogar eher meiden wollte für die Zukunft.
Beim durchblättern der Alben erst war ihr aufgefallen, das sie kaum einmal gelächelt hatte in all den Jahren und damit ihren Entschluss noch bekräftigt.

Sie hatte sich gewundert woher sie den Mut zusammengeklaubt hatte.
Überhaupt in den Stellenanzeigen zu stöbern, als würde sie tatsächlich etwas suchen, wo sie doch nichts konnte.
Aber Küchenhilfe, das ging wohl, kochen konnte sie ja.
Die heimliche Freude über das Vorstellungsgespräch und das Bangen um die Zusage.
Einen Monat halbtags, zur Einarbeitung, kam ihr sehr gelegen.
Sie verließ das Haus kurz nach ihm und wenn sie mittags wieder daheim war ließ sie die Kleidung mit dem Küchenduft im Keller.
Er kam ihr nicht drauf und sie hatte Geld genug für die erste Miete.
Vier Nächte auf der Luftmatratze aus dem Billigladen, dann hatte sie Zeit zum Möbelkauf.

Sie hatte ihm am letzten Abend gesagt dass sie gehen würde, er hatte ihr ins Gesicht gelacht.
"Du doch nicht, du bist doch nichts ohne mich."
Trotzdem hatte sie am nächsten Morgen ihre Sachen in zwei Koffern verstaut und war mit der S-Bahn umgezogen, froh einen eigenen Schlüssel zu haben.
Ja, sie hatte wirklich nicht viel.

Die Bücher hatte sie in das Regal sortiert und nach und nach wieder angefangen sie noch einmal zu lesen.
Er hielt nichts von Büchern und schon gar nicht, wenn Frauen sie lasen, die kämen dadurch nur auf dumme Gedanken.
Und jetzt beim Lesen kamen all die Träume wieder, die sie damals hatte.
Die Länder, die sie all die Jahre vermisst hatte.
Und die Menschen in den Geschichten, die ihr damals beim Lesen alle so nah gewesen waren.
Ihre Gedanken spielten mit den verschnörkelten Sätzen, die sich umeinander schraubten. Sogar die Sprache hatte er ihr genommen.
Einmal hatte sie angefangen heimlich ein Tagebuch zu schreiben, warf es aber nach den ersten Seiten in einen namenlosen Müllcontainer in der Stadt, aus Angst er würde es entdecken und ihre Gedanken lesen.

Ein alter, an den Rändern abgeschabter Gedichtband hatte ein Eselsohr an einer Stelle mit einem Gedicht von Kästner.
Wann sie dieses Eselsohr da hineingeknickt hatte war ihr nicht bewusst.

Da kam ihnen ihre Liebe abhanden,
wie anderen Leuten ein Stock oder Hut

Die beiden Zeilen hatte sie dünn mit Bleistift unterstrichen. Die Striche waren inzwischen fast gänzlich verblasst, wie ihre Hoffnung irgendwann verblasst war.
Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie das damals war mit der Liebe zwischen ihnen und ob oder wann sie überhaupt abhanden gekommen war.
Sie hatte sich nicht davon geschlichen, irgendwie hatte sie sich in ihre Atome gespalten und sich leise verflüchtigt, das bisschen was da jemals gewesen war.
Nicht einmal für ihr "Ja" fand sie mehr einen Grund.
Auch für ihr aushalten all die Jahre nicht. Sie hatte sich nichts mehr zugetraut irgendwann, glaubte ihm seine vernichtenden Sätze.

Ein Traum hatte an ihr gerüttelt. Ein Traum in dem sie wuchs und wuchs und am Ende viel größer war als er. Einen einzigen Satz sagte sie zu ihm:
"Und was bist du ohne mich?" Dann wachte sie auf.

Tagelang war ihr dieses Bild nicht aus dem Kopf gegangen und als sie die ersten Nächte allein in ihrer Wohnung verbrachte dachte sie wieder daran.
Sie vermisste ihn nicht und wunderte sich nicht einmal darüber.
Aber es war auch nicht so dass sie ihre Freiheit genoss, eher die Ruhe.
Allein war sie schon viele Jahre gewesen.
Nur befreit war sie deshalb nicht.

Wirklich wichtig war sie ihm nicht, aber trotzdem wachte er mit Argusaugen über sie. Er fürchtete nicht das sie ging, sondern lediglich das sie sich seiner Macht entzog, er nichts mehr hätte zum kleinhalten.

Sie kramte in ihrer Erinnerung nach den "guten Zeiten" und fand nur wenige Momente die diese Bezeichnung verdienten. Die lagen ganz am Anfang, als Freunde und Bekannte noch eine Chance hatten in ihrem Leben, bis sie sich dann schlussendlich doch alle in seinen Augen als untauglich erwiesen.
Die taugten alle nichts, waren nichts, hatten nichts, konnten nichts.
Mehr als einmal hatte er sie wutentbrannt nach einer Feier in den alten Ford befohlen, weil wieder einmal einer von denen einen Streit angefangen hatte, nur weil der Recht haben wollte. Die wussten ja immer alles besser als er.
Aber was wussten die schon, nichts wussten die.

Sie hatte immer nur still daneben gesessen. Und wenn er sie aufgefordert hatte "Nun sag doch auch mal was," dann hatte sie mit den Schultern gezuckt und wenn sie eine Weile später Luft holte um etwas zu sagen fiel er ihr ins Wort. "Ach, was weißt du denn schon."
Im Grunde war sie froh, als ihr das endlich erspart blieb.

Wenn er abends nach hause kam, sich an den gedeckten Tisch setzte, dann erklärte er ihr die Welt, so wie sie sie zu sehen hätte, alles andere wäre sowieso Unsinn, nicht der Rede wert.

Versuchte sie anderer Meinung zu sein, blockte er sie mit einem "Ach..." ab, bis sie schweigend aufgab.
Ihr Nicken deutete er später ganz selbstverständlich als Zustimmung, ohne zu bemerken das sie das Zuhören schon längst aufgegeben hatte.

Mit einer Hand knibbelte sie die trockenen Kanten der Käsescheiben ab und steckte sie sich in den Mund. Wenn sie an ihn dachte verging ihr der Appetit.
Sie suchte nach Gefühlen für ihn, brachte aber nicht einmal eine handvoll Mitleid zusammen.
Die Erinnerungen würden verblassen und mit ihnen das Bild von ihm.
Wahrscheinlich würde er ihre Geschichte und auch das Ende ganz anders erzählen, aber das war nicht mehr wichtig.

Irgendwann würde sie die Dämonen entsorgen, wie jetzt die vertrocknete Scheibe Brot und den letzten Schluck von dem bitteren Kaffee.


Juli 2009 (mullewapp)

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