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Sonntag, 24. Oktober 2010

schlucken


Seit dem Morgen saß sie hier am Tisch, dessen Hässlichkeit das zu kleine Stück Stoff nur notdürftig bedeckte.
Auf dem Kunststoffbrett mit den unzähligen Schnitten fremder Messer lag die Graubrotscheibe und rollte sich langsam trocknend an den Rändern auf.
Der Kaffee stand seit Stunden in der Glaskanne auf der Warmhalteplatte und hatte einen herb-bitteren Geschmack, den sie mit reichlich Milch verdünnte.

Sie hatte in der Firma angerufen, irgendetwas von Hexenschuss erzählt.
Ja, morgen wäre sie wieder da, bestimmt. Und nein, das hätte sie nicht öfter, zum ersten Mal.
Als wenn ihr nicht bewusst wäre, wie blöd es war in den ersten Wochen gleich krank zu werden. Aber sie wollte nur diesen einen Tag, einmal durchatmen, niemanden sehen, nicht funktionieren müssen.

Ein paar Mal war sie mit dem Kaffee in der Hand durch die Wohnung gewandert, die sie gern ihr zuhause genannt hätte.
So weit war sie noch nicht, dafür war die Mischung aus ihr völlig fremden Gerüchen noch zu aufdringlich.
Außer der weißen Farbe war nichts neu hier, nichts ihr eigen.
Lieber hätte sie sich ihr neues Leben neu eingerichtet, nur blieb ihr dafür nicht genug Zeit.
Hätte sie ihre Ansprüche bei der Behörde geltend gemacht wäre es sicher um einiges leichter gewesen, aber sie wollte nichts erklären, sich nicht schon wieder klein gemacht fühlen.
Dafür steckte ihr das Mantra der Wertlosigkeit - kannst nichts, hast nichts, bist nichts - noch zu sehr in den Knochen.
Jetzt ging es ihr darum zu beweisen dass dem nicht so war.

Das sie nichts hatte war noch ziemlich offensichtlich, nur das nötigste aus dem Gebrauchtmöbelladen.
Bett, Schrank, Tisch, Stuhl, zwei Sessel und ein Regal.
Die Sessel waren ein Paar gewesen und sie hatte es nicht fertig gebracht sie auseinander zu reißen, wie sie in ihrem leicht abgeschabten Charme dort nebeneinander gestanden hatten.
Ein paar Dinge für den alltäglichen Gebrauch, unpaariges Geschirr, mit abgestoßenen Kanten, an denen sie nicht Schuld war.

Hinüber gerettet hatte sie nicht viel, außer Kleidung, ein paar alte Bücher und den Garderobenständer an dem sie seit ihrer Jugend hing, über den er immer nur geflucht hatte, weil er so kibbelig stand.
Bei den Fotos hatte sie noch überlegt, aber dann entschieden, dass sie die Erinnerung nicht wert waren, sie die wohl sogar eher meiden wollte für die Zukunft.
Beim durchblättern der Alben erst war ihr aufgefallen, das sie kaum einmal gelächelt hatte in all den Jahren und damit ihren Entschluss noch bekräftigt.

Sie hatte sich gewundert woher sie den Mut zusammengeklaubt hatte.
Überhaupt in den Stellenanzeigen zu stöbern, als würde sie tatsächlich etwas suchen, wo sie doch nichts konnte.
Aber Küchenhilfe, das ging wohl, kochen konnte sie ja.
Die heimliche Freude über das Vorstellungsgespräch und das Bangen um die Zusage.
Einen Monat halbtags, zur Einarbeitung, kam ihr sehr gelegen.
Sie verließ das Haus kurz nach ihm und wenn sie mittags wieder daheim war ließ sie die Kleidung mit dem Küchenduft im Keller.
Er kam ihr nicht drauf und sie hatte Geld genug für die erste Miete.
Vier Nächte auf der Luftmatratze aus dem Billigladen, dann hatte sie Zeit zum Möbelkauf.

Sie hatte ihm am letzten Abend gesagt dass sie gehen würde, er hatte ihr ins Gesicht gelacht.
"Du doch nicht, du bist doch nichts ohne mich."
Trotzdem hatte sie am nächsten Morgen ihre Sachen in zwei Koffern verstaut und war mit der S-Bahn umgezogen, froh einen eigenen Schlüssel zu haben.
Ja, sie hatte wirklich nicht viel.

Die Bücher hatte sie in das Regal sortiert und nach und nach wieder angefangen sie noch einmal zu lesen.
Er hielt nichts von Büchern und schon gar nicht, wenn Frauen sie lasen, die kämen dadurch nur auf dumme Gedanken.
Und jetzt beim Lesen kamen all die Träume wieder, die sie damals hatte.
Die Länder, die sie all die Jahre vermisst hatte.
Und die Menschen in den Geschichten, die ihr damals beim Lesen alle so nah gewesen waren.
Ihre Gedanken spielten mit den verschnörkelten Sätzen, die sich umeinander schraubten. Sogar die Sprache hatte er ihr genommen.
Einmal hatte sie angefangen heimlich ein Tagebuch zu schreiben, warf es aber nach den ersten Seiten in einen namenlosen Müllcontainer in der Stadt, aus Angst er würde es entdecken und ihre Gedanken lesen.

Ein alter, an den Rändern abgeschabter Gedichtband hatte ein Eselsohr an einer Stelle mit einem Gedicht von Kästner.
Wann sie dieses Eselsohr da hineingeknickt hatte war ihr nicht bewusst.

Da kam ihnen ihre Liebe abhanden,
wie anderen Leuten ein Stock oder Hut

Die beiden Zeilen hatte sie dünn mit Bleistift unterstrichen. Die Striche waren inzwischen fast gänzlich verblasst, wie ihre Hoffnung irgendwann verblasst war.
Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie das damals war mit der Liebe zwischen ihnen und ob oder wann sie überhaupt abhanden gekommen war.
Sie hatte sich nicht davon geschlichen, irgendwie hatte sie sich in ihre Atome gespalten und sich leise verflüchtigt, das bisschen was da jemals gewesen war.
Nicht einmal für ihr "Ja" fand sie mehr einen Grund.
Auch für ihr aushalten all die Jahre nicht. Sie hatte sich nichts mehr zugetraut irgendwann, glaubte ihm seine vernichtenden Sätze.

Ein Traum hatte an ihr gerüttelt. Ein Traum in dem sie wuchs und wuchs und am Ende viel größer war als er. Einen einzigen Satz sagte sie zu ihm:
"Und was bist du ohne mich?" Dann wachte sie auf.

Tagelang war ihr dieses Bild nicht aus dem Kopf gegangen und als sie die ersten Nächte allein in ihrer Wohnung verbrachte dachte sie wieder daran.
Sie vermisste ihn nicht und wunderte sich nicht einmal darüber.
Aber es war auch nicht so dass sie ihre Freiheit genoss, eher die Ruhe.
Allein war sie schon viele Jahre gewesen.
Nur befreit war sie deshalb nicht.

Wirklich wichtig war sie ihm nicht, aber trotzdem wachte er mit Argusaugen über sie. Er fürchtete nicht das sie ging, sondern lediglich das sie sich seiner Macht entzog, er nichts mehr hätte zum kleinhalten.

Sie kramte in ihrer Erinnerung nach den "guten Zeiten" und fand nur wenige Momente die diese Bezeichnung verdienten. Die lagen ganz am Anfang, als Freunde und Bekannte noch eine Chance hatten in ihrem Leben, bis sie sich dann schlussendlich doch alle in seinen Augen als untauglich erwiesen.
Die taugten alle nichts, waren nichts, hatten nichts, konnten nichts.
Mehr als einmal hatte er sie wutentbrannt nach einer Feier in den alten Ford befohlen, weil wieder einmal einer von denen einen Streit angefangen hatte, nur weil der Recht haben wollte. Die wussten ja immer alles besser als er.
Aber was wussten die schon, nichts wussten die.

Sie hatte immer nur still daneben gesessen. Und wenn er sie aufgefordert hatte "Nun sag doch auch mal was," dann hatte sie mit den Schultern gezuckt und wenn sie eine Weile später Luft holte um etwas zu sagen fiel er ihr ins Wort. "Ach, was weißt du denn schon."
Im Grunde war sie froh, als ihr das endlich erspart blieb.

Wenn er abends nach hause kam, sich an den gedeckten Tisch setzte, dann erklärte er ihr die Welt, so wie sie sie zu sehen hätte, alles andere wäre sowieso Unsinn, nicht der Rede wert.

Versuchte sie anderer Meinung zu sein, blockte er sie mit einem "Ach..." ab, bis sie schweigend aufgab.
Ihr Nicken deutete er später ganz selbstverständlich als Zustimmung, ohne zu bemerken das sie das Zuhören schon längst aufgegeben hatte.

Mit einer Hand knibbelte sie die trockenen Kanten der Käsescheiben ab und steckte sie sich in den Mund. Wenn sie an ihn dachte verging ihr der Appetit.
Sie suchte nach Gefühlen für ihn, brachte aber nicht einmal eine handvoll Mitleid zusammen.
Die Erinnerungen würden verblassen und mit ihnen das Bild von ihm.
Wahrscheinlich würde er ihre Geschichte und auch das Ende ganz anders erzählen, aber das war nicht mehr wichtig.

Irgendwann würde sie die Dämonen entsorgen, wie jetzt die vertrocknete Scheibe Brot und den letzten Schluck von dem bitteren Kaffee.


Juli 2009 (mullewapp)

Montag, 4. Oktober 2010

Hinwendung - Alles alte Hüte - Herbsthoffnungen

Montag, 30. November 2009 - 00:20 Uhr
Hinwendung

Hinwendung

Manchmal möchte ich raus
in die große Stadt
wo an jeder Ecke das dralle Leben tobt

Manchmal möchte ich raus
auf das weite Meer
wo in den Wellen tosend die Einsamkeit schweigt

Manchmal möchte ich rein
in den tiefen Berg
wo in den Höhlen nichts als ängstliche Stille ist

Aber am Liebsten
bin ich mit dir
Mittwoch, 18. November 2009 - 23:02 Uhr
Alles alte Hüte



Wieso hatte er sich eigentlich nach all den Überlegungen doch wieder entschlossen den Abend auf dieser Party zu verbringen.
Er machte sich weder Hoffnungen, noch versprach er sich etwas davon.
Er war allerdings weder verbittert, noch hoffnungslos, sondern nur gelangweilt und genervt. Es war doch sowieso immer das gleiche.
Ein paar mehr oder weniger nackte Menschen halten sich für irgendeine sexuell andersdenkende Elite und sind im Grunde nichts anderes als verschrobene Spießer, zumindest sieht er sie so, mit all dem ganzen Regelwerk und ungeschriebenen Gesetzen. In jeder Vorstadtdisco konnte man sich freier bewegen als hier.

Jetzt näherte sich ihm gerade wieder so ein affektiertes Küken und tritt direkt neben ihn an den Tresen.
Sie zwitschert dem Barkeeper im hautengen Latexhemd etwas von Prosecco zu, der tut natürlich wie immer so, als würde er nichts verstehen, dabei müsste er es bereits von den grell geschminkten Lippen ablesen können.
Sicherheitshalber greift er nach seinem Glas, damit sie es nicht umstößt.
Wie erwartet lehnt sie sich weit über den Tresen, formt die Hände zum Trichter und brüllt dem gelierten Schönling „Proooo-secc-oooo“ zu. Das dabei ihre nackte, linke Brust auf seiner Hand liegt scheint sie kaum zu stören.
Wenige Sekunden später hält sie verzückt ihre Dämchenbrause in Händen und schlürft mit abgespreizten Fingern, als wäre es edelster Champus, dabei hat sie auf die 5 €uro noch 2 wieder raus gekriegt.
Aber wahrscheinlich gönnt sie sich sonst nichts, weil sie sich sonst nichts gönnen kann und jetzt wird sie sich 3 Stunden an dem Glas festhalten, in der Hoffnung ein Kerl würde auf ihre nackten Titten anspringen und ihr noch ein Glas irgendwas spendieren.
Für den Moment kokettiert sie mit spitzen Lippen über den Glasrand hinweg mit ihm.

Er sieht an ihr vorbei in den Saal hinein, als wenn es da etwas zu sehen geben würde, was er nicht bereits kennt.
All diejenigen, die hier so angeblich freizügig ihr nacktes Fleisch herzeigen und doch nichts zeigen, was er nicht bereits kennen würde.
Kaum ein Arsch, eine Titte, ein Sack, den er nicht schon bereits zigfach auf irgendwelchen Fotos gesehen hätte, kein Tattoo, kein Piercing birgt hier irgendwelche Überraschungen.
Wenn er Albträume hätte, dann sicher solche, dass er sie alle eher an ihren Ärschen als an ihren Gesichtern erkennen würde.

Er denkt urplötzlich an Laila.
Er hat bestimmt schon 10 Jahre nicht mehr an Laila gedacht.
Laila, das war 1974, da war er als Rucksacktourist in Norwegen unterwegs. Alle anderen waren in dem ohnehin schon heißen Sommer in den Süden gefahren und hatten ihn ausgelacht wegen seinem Norwegen.
Aber sein Großvater hatte ihm früher immer erzählt, wie heiß die Sommer in der Provinz Trøndelag sein könnten.
Er hatte sich ein Interrail-Ticket gekauft und war über Dänemark und Schweden bis rauf nach Norwegen gefahren. Und da hatte er Laila getroffen, am Ufer eines Sees, nackt badend in der beginnenden Dunkelheit weil sie es an Land wegen all der Mücken nicht mehr aushielt.
Ihr Zelt hatte sie beim Trampen in irgendeinem englischen LKW liegen lassen.
Irgendwo rechts von ihr waberte ein rötlicher Streifen der untergehenden Sonne auf dem Wasser.
Als sie ihm kommen sah stellte sie sich im Wasser auf, ihre Brustwarzen waren halb vom Wasser bedeckt.
Ohne eine Spur von Argwohn hatte sie ihn winkend begrüßt und als er mit wenigen geübten Handgriffen nach ein paar Minuten sein kleines Zelt aufgebaut hatte winkte ihn zu sich ins Wasser.
Er zog sich aus und stieg nackt zu ihr in das kalte Seewasser. In wenigen Zügen war er zu ihr geschwommen und als er dicht vor ihr war drehte sie sich seitlich ins Wasser und schwamm vor ihm her.
Er kraulte ein paar schnelle Züge und berührte als er mit ihr auf einer Höhe war wie unbeabsichtigt eine ihrer Brüste beim Schwimmen.
In der Mitte des Sees drehten sie um und schwammen zurück ans Ufer.
Dann standen sie nackt voreinander und trockneten sich die Haare. Sie stellten sich als Laila und Thomas vor und er betrachtete den fremden Frauenkörper von der Seite.
Die beginnende Erektion konnte er noch rechtzeitig in der Jeans verbergen.
Sie erzählte von ihrem Unglück mit dem Zelt und dass sie morgen weiter nach Trondheim wollte um sich ein neues Zelt zu besorgen. Für diese Nacht bot er ihr an bei ihm im Zelt zu schlafen.
Eine kurze Weile saßen sie nebeneinander am Ufer und sahen auf das Wasser, aber die Mückenschwärme trieben sie bald ins Innere des Zeltes.

Im Dunkeln lagen sie nebeneinander und lauschten gegenseitig auf ihren Atem.
Irgendwann rollte er sich ohne den Anflug eines Vorspiels auf sie, hielt ihre Hände über dem Kopf fest und drückte ihre Beine mit den Knien auseinander.
Sie wehrte sich eher halbherzig gegen seinen Übergriff und lag still unter ihm als er sich stöhnend aufgebäumt hatte.
Ihre Hände wanderten an seiner Rückenmuskulatur auf und ab und als er sich von ihr herunterrollte stand sie auf und setzte sich in der Dunkelheit nackt ans Seeufer, die Beine vor dem Oberkörper gekreuzt und die Arme darum geschlungen.

Er hatte in seinem Rucksack nach den Resten des inzwischen schon fast vergessenen bröseligen Tabaks gekramt und hatte sich rauchend zu ihr gesetzt.
Nachdem er den Kippen zischend in den See geschnippt hatte, hatte sie sich ihm zugewandt, ihn rückwärts an den Haaren auf den Boden gezogen und sich auf ihn gesetzt.
Es hatte eine Weile gedauert, bis sie ihn soweit bearbeitet hatte, dass seine Erektion wieder hart genug war und dann hatte sie ihn in ihrem Rhythmus geritten.
Langsam aber beständig hatte sie ihren Körper auf und nieder bewegt.
Auf dem Rücken liegend hatte er sich in einem Sternbild verloren.
Drei Sterne in einer geraden Reihe, die er immer in ihrem Rhythmus abgezählt hatte.

Bis heute hatte er es noch nicht geschafft herauszufinden, wie dieses Sternbild hieß.
Bis heute hatte er auch nicht mehr an Laila gedacht.
Als er am nächsten Morgen aufgewacht war, war sie bereits verschwunden.


Dienstag, 29. September 2009 - 16:06 Uhr
Herbsthoffnungen


Letzte Schmetterlinge konkurrieren träge
mit ersten Blättern des nahenden Herbstes.
Taumelnde Wespen, trunken von faulendem Obst,
landen auf bittersüßem Zwetschgenkuchen.
Ein Hauch von Sonne dringt durch den Wind,
der regennasse Stürme ankündigen wollen wird.

Wir schließen die Fensterläden unserer Herzen,
ziehen uns hinter die Lauwärme des Selbst zurück
und wärmen uns zum Trost
vorübergehend allein am heißen Tee,
wenn wir kein Miteinander haben.

Ein Abschied von Altem,
loslassen von Vergangenem wie Baum und Laub,
Hoffnung auf Besserung
von Umständen und Zeiten.
Mit jedem kürzeren Tag und jeder längeren Nacht
naht der Umbruch in ein helleres Neues.
Besser soll und wird es sein, trotzen wir unbeirrbar,
all unseren Erfahrungen der Vergangenheit
und tragen unser Hoffen durch die dunklere Zeit.

Hinter Gedanken und Lidern stoßen wir auf Erinnerungen
von zerrenden Stürmen auf grünen schaflosen Deichen,
duftend weißen knospenden namenlosen Blüten,
die Musik von lauen lauten irischen Sommernächten
getragen von süßlichem Met und schwarzem Bier,
knatternden Segeln die träge über glatte Wasser gleiten,
und immer wieder ein schweigsam knisterndes Feuer.

Vieles hat sich geändert und gleichzeitig nichts,
manches würde ich gerne
in magischen Zaubernächten
auf immer ins Unendliche verdammen
und anderes dafür
in Ewigkeiten halten.
Wir werden sein im werden
was wir wollen
was wir sind

vor die Wahl - die letzte Rose - berge versetzen

Samstag, 5. September 2009 - 23:15 Uhr
vor die Wahl


Ich winde mich in meinen Gedanken.
Verzweifelt in der Wahl zwischen zwei Dingen, die ich zu tun oder zu lassen entscheiden kann.
Wollen werde ich sie beide nicht, aber müssen werde ich eines davon.

Wieso quäle ich mich mit der Entscheidung, sage nicht einfach "nein"?
Das wäre der Ausweg, der ohne den geringsten Widerstand.
Ich weiß, ich kann jederzeit aussteigen und verschließe mir selbst diese Möglichkeit.
So einfach gebe ich mich nicht preis, schon gar nicht der Enttäuschung, weder der eigenen, noch der deinigen.
Lieber suhle ich mich orientierungslos in meinem eigenen Leid der Entscheidung.

Ich könnte bitten, betteln und flehen, verhandeln um ein wenn - dann.
Mich würgt meine eigene Entwürdigung der Selbstanklage.
Ich bin mir zuwider, hasse dich gerade jetzt, für einen kurzen Moment.
Ich liebe es vor dir zu knien und verachte mich wenn du mich kriechen lässt.
Zu lange habe ich mich recken müssen um aufrecht zu mir selbst zu sein, um dabei bedingungslos zu sein.

Ich schenke mir nichts in der Qual der Wahl.
Zu wissen, das du weißt wie ich mit mir selbst ringe dabei macht dich zum Objekt der Schuld. Wenn du nicht wärest, dann könnte ich nicht sein was ich bin.
Das kann nur leben wenn es sich selbst im Spiegel begegnet. Existenz ist etwas anderes als Hintergrundbeleuchtung.

Und du, du wäscht deine Hände in meiner Unschuld rein, lebst in und durch meine Zweifel, wissend.
Ich wäge ab, für und wieder, als hätte ich alle Zeit der Welt. Doch selbst die hast du mir genommen. Ultimatum der Entwürdigung.
Das unten kommt näher, zwangsläufig.
Mir rinnt die Zeit durch die Zweifel, reibt sich wie heißer Sand durch mein Denken.

Ich könnte dich lieben, gerade jetzt umso mehr, würdest du mir jetzt die Entscheidung entlassen, so kurz vor Ultimo.
Das aber wirst du nicht tun, da bin ich mir sicher, weil du dir meiner trotzdem sicher bist.
Ich komme mir näher, manches kann man nicht simulieren.

Ein letzter Gedanke an den Ausweg und dann meine Wahl.
Ich krieche, so tief unten wie selten, weit unter mir selbst.
Alles schält sich, rauh.
Nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen.
Am Ende dessen bist du.


Freitag, 28. August 2009 - 19:57 Uhr
die letzte Rose


die letzte Rose des Sommers
brech ich dir
im Sturm, bevor er bricht
die Blüten welk und faulig macht
schoßgleich betöhrende Süsse
wolllüstige Venuskelchmitte
dornenstechen laß ich dir

wie sagt man das es fühlt
wie ein englischer Duft
warmholzig und weich
gegen den Wind nur
ein Flüstern

in diesem Sturm
deine Stimme fehlt
im durcheinander
wehender Blütenblattfahnen

ich strauchel nicht
im dichten Gestrüpp
dieser Dornenhecken
weiß den Weg
durch den Irrgarten
alles zählt nichts

kein Dorn der mich abhält
auf meinem Weg
ich bin und bleibe

alles löst sich
in Duft und Schall und Rauch
und Wohlgefallen
alles fließt
alles bleibt
nichts wie es war
und alles wie immer

die letzte Rose des Sommers
vergraben im Wind
Haftbilder - Erinnerungen
und vieles mehr
was ist und war und wird
aufgelöst
in meiner Mitte
hab ich Halt im Sein
im Wissen
immer mehr

über den Winter
über die Zeit
halt ich
den Duft der Rose
und mich an dir
an dem uns
felsenfest



Mittwoch, 26. August 2009 - 13:46 Uhr
berge versetzen



verrücken
verschieben
versetzen
die inneren Berge
die übereinander getürmten
das man den Grund nicht mehr sieht

die mit den tiefen Tälern und Furchen
die steinigen
scharfkantigen Gipfel

zu lang schon gewandelt
auf gerölligen Wegen
die Schritt um Spitze
immer tiefer gedrungen
lebenslange Anhaftungen
wollen weggeweint werden
unbeschönigendes loslassen
mühsam

ich schleif die Steine rund
zu deinen Füßen
entgrate dir die Gipfel
füll die Täler dir mit Leben
rede dir die Felsen weich

stetes Bleiben höhlt den Stein
langsam erträglich
Korn um Korn
Kiesel um Kiesel
Stein um Stein
Fels um Fels
Berg um Berg

ich trag dich in meinem Herzen
über die Gipfel

Feierabend - splitter - Treibholz

Sonntag, 23. August 2009 - 11:35 Uhr
Feierabend

Erst knarrt der Wagen in der Federung, als er die Tür zuschlägt, dann beben die Fenster im Haus.
Die Frage: "Wie war dein Tag," hat sich damit erübrigt.
Jetzt könnte sie sich schweigend zurückziehen, ausharrend abwarten, oder es mit unbedachten Sätzen noch verschlimmern.

Aber sie hält fest an ihrem Ritual, bringt ihm den Kaffee, den er wortlos an die Lippen bringt.
"Zu heiß," brüllt er, und "komm her Schlampe, dafür wirst du büßen!"
Er zerrt sie an den Haaren zu sich runter, greift mit einer Hand nach ihrem Hosenbund um sie frei zu machen.
Sie kratzt ihm die Arme mit einem einzigen Griff ihrer Fingernägel in langen Ratschern blutig.
"Miststück," keucht er, hebt ihren Kopf noch einmal und knallt ihr eine.
Ihrer beider Augen fixieren sich in Schlitzen.
Er keucht, sie schnaubt.
Die Wange brennt, aber sie blinzelt die Träne weg.

Seine Hand drückt ihren Nacken wieder runter, dass sie gebeugt und entblösst vor ihm liegt. Die andere schlägt klatschend, hart zu.
Sie nimmt den Schmerz auf, versucht ihn abzuwehren, greift ins Leere und strampelt.
Sie rutscht ihm aus der Hand, verbeisst sich in seinem Oberschenkel.
Ihr Schrei erstickt im Stoff, als seine Hand sich um ihren Nacken verschraubt.

In seinem Kopf nur das rauschen von Adrenalin und ihr Keuchen.
Mit einem Fuß schiebt er den Stuhl vom Tisch, zerrt sie zwischen sich und das Holz. Die Tischkante gräbt sich in ihre Wirbelsäule als er sie nach oben drückt um zu sehen was er von sich auf sie übertragen hat.
Nur nicht aufgeben, denkt er. Ich brauche dich, gerade jetzt.

Seine Hand greift zum Reissverschluss - ritsch -
Sie beisst die Lippen fest aufeinander, - so nicht - , stemmt sich mit den Händen ab, als er sie zu sich runterdrücken will.
Seine Hände schlagen gegen ihre Unterarme, dass sie mit dem Gesicht zwischen seine Beine rutscht. Ihre Arme rudern im leeren Raum.
Er hält sie, bis er den Hauch von Panik spürt, der sich breitmacht, wenn sie nicht mehr atmen kann. Gibt ihr ein wenig Raum, wartet bis ihre Bewegungen weicher werden. Nur halten was gerade wieder Raum gewinnen kann.

Leicht nachdrücklich steuert er ihren Kopf dorthin wo er sie haben will.
Ihre Hände suchen seine Mitte und ihr Mund schiebt sich über ihn.
Ein paarmal gibt er ihr den Rhytmus an, dann läßt er sie gewähren.
Jetzt kann er loslassen. Sie macht gut, was sie gutmachen kann.
Wellenreiten - denkt er - kurz vor dem Ende.

Eine Weile bleibt sie zwischen ihm liegen, seine Hand in ihrem Nacken.
Jetzt ist es wieder gut zwischen ihnen.
Sie hebt den Kopf und wischt sich grinsend mit dem Zeigefinger die Spur Sperma aus dem Mundwinkel.
"Kaffee, nicht zu heiß," fragt sie grinsend.
Er schiebt ihr die Haare aus dem Gesicht und streicht ihr eine Strähne hinter die Ohren.
Seine Züge sind weicher.
"Ja bitte."

Samstag, 15. August 2009 - 12:21 Uhr
splitter


Eben war ich noch
jetzt nur noch ein Nichts
kein Ganzes mehr
nur noch meine eigenen Splitter
meine Scherben laden dich ein
dich knirschend in mich zu treten
ich zähle nicht

Schäl mich Haut um Haut
mit dunklen Farben
mal dich in mich
tagelang tief
Friss dich durch
in meinen innersten Kern
Save our souls
in a mindfucking night

Komm bis es hell wird
wieder heller in uns

Samstag, 8. August 2009 - 20:59 Uhr
Treibholz


kämpfend kau ich
kussvermissend
gefühle in mich selbst zurück

taumelnd träum ich
ewigkeiten
nichts vermissend außer du

hergebend mag ich
hingaben
zwischen hin und her geben

verwirrt jag ich
kleine blaue schmetterlinge
verlaufe mich dabei auf meinen
eigenen inneren Stoppelfeldern
wundere mich
wenn du nicht da bist
wo ich dich finden will

nachts macht mir
der rote Mond einen Wolkenstrich
durch die Rechnung meiner
dramatisch schlaflosen Nächte
wenn ich mich schwitzend
zu dir roll und in deiner abwesenden
Leere haltlos traumverloren lande

schwüle drückt mir auf die Seele
hemmt mich allenthalben
mich selbst befühlen
ob ich noch bin

tastend treib ich
dir in die gedanken
das du mich nicht verlierst
erinnere dich an mich
erinnere dich

junimond - jump - awareness

Samstag, 6. Juni 2009 - 22:50 Uhr
junimond

Der Rauch der Zigarette dringt in dünnen Fäden durch das Fliegengitter.
Ein- oder ausgesperrt könnte man sich fühlen,
das käme ganz auf die Sichtweise an.
Aber was würde das schon beweisen, wenn man mit der Glut ganz einfach ein Loch in das Gitter schmelzen kann, zudem noch völlig geräuschlos.

Vor ihr wippt die Bachstelze mit zuckenden Insekten im Schnabel,
zu spät, im Nest ist Stille, gestern sah sie eine Krähe von dort abfliegen.
Fressen und gefressen werden, so entsetzlich schön kann Natur sein.
Alles beugt sich dem Wind, Blattfetzen im Juni.

Andererseits, man muss auch loslassen können,
all dies ganze wenn und aber.
Abwägen, aufwiegen, gegeneinander - aufrechnen.
Manches kann man nicht berechnen, schon gar nicht gegeneinander.
Da wird einfach ein fließendes Miteinander draus.
Wenn man miteinander lachen kann,
dann sollte man auch miteinander weinen können.
Das bewahrt einen vielleicht vor dem umeinander.

Vielleicht - wenn man vielleicht in die Zukunft sehen könnte,
mit sezierenden Blicken. Oder besser nicht.
Wenn man immer genau wüsste was kommt,
würde man die Zukunft der Langeweile preisgeben.
Das Leben ein einziges Dejavu? Gebraucht gelebt sozusagen.

Es kommt immer anders als man denkt
und manchmal auch ganz genauso.
Selten gräbt sich sekundengleich ein einziges Wort ein,
um sich dann, viel später, zu bestätigen, als hätte mans gewusst.

Träume sind Schäume
und Wünsche sind da um Wirklichkeit zu werden.
Die Hoffnung nicht aufgeben
und sich an einem roten Faden durchhangeln.
Am Schorf kratzen bis er bricht,
manchmal blutet es darunter und heilt dann ab.

Auflösen im Gemeinsam,
ein diffuses Ziel vor Augen, irgendwann zusammen ankommen.
Aus dem jetzt und morgen ein damals machen.
Weißt du noch?
Ja, ich hab es immer gewusst.

Wir können uns abschlagen vom Leben,
aber nicht auf und davon, losschlagen.
Bleiben müssen, können und wollen.
wert machen füreinander, das Leben an und für sich.
Wenn es lahmt,
zeigen uns die Träume
wer trotz allem in uns steckt,
die guten und die unglaublichen Seiten.

Irgendwo liegt immer das offene Meer vor uns,
auch wenn wir langsam der Abendsonne entgegegen segeln.
Schweigsam liegen wir in der Abendflaute und zählen die aufsteigenden Sterne,
bis es, uns aufscheuchend, knatternd in den Segeln reißt.
Klar? Klar!
Vor Anker gegangen bin ich in dir,
kein Sturm kann das lösen.

Am Anfang wars rund und Haftbilder blieben,
runder wird es immernoch,
jeden Abend zu späterer Stunde,
anstatt sich zu vermissen.
Zu dir oder zu mir,
steht irgendwo im Raum der vorstellbaren Möglichkeiten.
Beizeiten finden wir eine Lösung,
die vielleicht ganz woanders liegt,
wo wir beides haben,
mein grün und dein blau.

Junimond
du fehlst grad so






Mittwoch, 13. Mai 2009 - 22:19 Uhr
jump


Die Hitze ist in diesem Jahr viel zu früh da und macht alles noch unerträglicher für ihn, als wenn man unerträglich noch steigern könnte.
Doch man konnte, das wusste er.
Oft hatte er schon gedacht das er nicht noch mehr ertragen konnte, aber er konnte.

Er verfluchte die automatischen Außenjalousien. Entweder war es kühl und dunkel, oder hell und heiß.
Das ewige auf und ab bei bewölktem Himmel machte ihn zur Zeit fast wahnsinnig. Nichts wünschte er sich mehr als Ruhe.

Diese verdammten Zahlen, er konnte sie drehen und wenden wie er wollte, nichts passte mehr zueinander, gewohnte Abläufe funktionierten einfach nicht mehr.
Jahrelang waren die Dinge ihren Gang gegangen und man konnte sich auf die berechenbaren Zufälle verlassen, sie sogar mit einem einzigen Satz zu den eigenen Gunsten forcieren.
Er war dort oben angekommen, wo man auf seine Worte lauschte.
Er sah es an den digitalen Spitzen und Tälern auf den Monitoren.
Mehr als einmal hatte er einem freundschaftlich auf die Schulter geklopft, der nach einem guten Rat gefragt hatte um ihn dann, je nach Sympathie oder Nutzen, entweder über die eigene Klinge springen zu lassen oder ihn auf der Leiter ein Stück nach oben zu hiefen, um ihn dann bei nächster Gelegenheit vielleicht doch fallen zu lassen.

In diesem Gebäude gab es kaum noch jemanden der an ihn und seinem Ruhm kratzte, völliges Vertrauen nannte man das wohl.
"Scheiß drauf," zischte er, winzigste Spucketröpfchen auf dem Monitor hinterlassend.
Jetzt bräuchte er einen Tipp, nur den Hauch von einem Wink.
Seit Tagen wiederholte er seine Stoßgebete, aber es kam keine Antwort.
Er hatte sogar schon einer Stubenfliege die Möglichkeit gegeben seine Entscheidungen zu beeinflussen.
Wenn sie auf dem G gelandet wäre, dann hätte er sich zum Handeln entschieden.
Aber sie war aus dem Büro geflogen und hatte ihn damit in jeglicher Handlung gelähmt.
Im ersten Moment hatte er ihr entsetzt nachgestarrt, bis ihm seine Narretei bewusst wurde.
Eine Stubenfliege über solche Dinge entscheiden zu lassen wäre dann doch zuviel göttliche Fügung gewesen. Wahrscheinlich hätte er sowieso genau das Gegenteil von dem getan.
Seine Krawatte saß eng und der Hemdkragen schabte an seinem täglich zunehmend schlechter rasierten Hals.
Äußerlichkeiten waren sowieso nur noch ein Witz.
Momentan hatte er das Gefühl eher in billigen Polyester von der Stange zu passen als in den Maßanzug.
25% Wollanteil, wenn er wenigstens noch 25% retten könnte.
Die 75% edel knitterndes Leinen würden ihn den Hals kosten, wenn ihm nicht bald etwas einfiel.

Er brauchte dringend einen Termin bei Sophie, vielleicht würde sie eine Erleuchtung aus ihm herausprügeln können.
Er wünschte sich, sie würde ihm mit dem Rohrstock die Haut vom Körper schälen, aber auf solche Wünsche ließ sie sich selten ein, und wenn dann nur gegen ein horrendes Honorar.
Er fragte sich jetzt schon, wie oft er ihre Dienste noch in Anspruch würde nehmen können.
Ohne Job würde er die 400 Euro nicht mehr so einfach aus dem maßgeschneiderten Ärmel schütteln können.
Vielleicht sollte er langsam anfangen ihr etwas von Gefühlen vorzugaukeln. Solange sein Stern noch so hoch stand würde sie ihm vielleicht in die Falle gehen, in der Hoffnung auf ein leichteres Leben.
Keine Termine mehr und nur noch einen einzigen Kerl schlagen und quälen.
Aber es schien ihm fast als hätte sie Spaß an ihrem Job.

Wenn er das doch auch wieder von sich sagen könnte.
Wo war sein Elan hin, sein Mut, die Waghalsigkeit?

Aus dem Kopf wählte er Sophies Nummer und lauschte ihrer Stimme auf dem Anrufbeantworter.
Er hatte gehofft persönlich mit ihr sprechen zu können, vielleicht hätte sie einen zündenden Funken losgetreten.
Fluchend legte er den Hörer wieder auf, er würde es später vielleicht noch einmal versuchen. Heute würde er keine besonderen Wünsche äußern.
Außer dem einen der totalen Erniedrigung, er wollte an seinen Empfindungen kratzen.
Nicht nur daran kratzen, er wollte ehrlich empfinden, sich in seinen eigenen Exkrementen suhlen und sie hinterher selbst wieder aufputzen müssen.
Sie würde ihn beschimpfen, kleinmachen und ihn zu sich selbst führen.
Jeder einzelne ihrer Schläge würde ihm zeigen was für ein nichtsnutziger Wicht er wäre und am Ende wären seine Tränen und die allumfassende Demut dabei echt, zumindest für einen kurzen Moment.
Das schaffte nur Sophie.
Er sehnte sich danach ihre Stiefelabsätze zu lecken und zu ihren Füßen zu kriechen.

Manchmal hasste er sich weil er die perfekte Inszenierung des Klischees:
erfolgreicher Mann versus Freizeitsklave, bediente.
Er hatte es vorher mit allem möglichen probiert: Golf, Tennis, Fallschirmspringen, Skifahren. Nur hatte er nirgends etwas in sich empfunden dabei.
Nicht einmal in der Luft, wenn er bis zuletzt wartete um an der Reißleine zu ziehen und auch schneebedeckte Berge konnten ihm nichts demütiges abringen. Er hatte sich dort nur allein gefühlt, weil er stets das Gefühl behielt alles unter Kontrolle zu haben.
Anfangs war das auch bei Sophie so gewesen, bis er einmal im falschen Moment gekichert hatte. Da hatte sie gewusst das sie bei ihm viel weiter gehen konnte und ihn das erste Mal zu Tränen gerührt.

Erneut wählte er ihre Nummer, nur der Anrufbeantworter.
Wenigstens empfand er jetzt so etwas wie Scham.
Weil er seinen wiederholten Versuch sie zu erreichen schon als Bettelei verstand und wegen der Leere in seinem Kopf.

Er sah auf den Monitor und sah die grüne Linie, die sich stetig abwärts bewegte und nichts würde sie aufhalten können, dessen wurde er sich jetzt bewusst.
Oft hatte er sich dieses Szenario schon genüsslich zurückgelehnt betrachtet, die Krawatte gelöst und die Arme hinter dem Kopf verschränkt, in dem Bewusstsein das es einen point of return gab, an dem er nur zum Telefon greifen musste. Er war dabei stets hochkonzentriert gewesen und hatte alles im voraus geplant. Er beobachtete die Linien und die anderen beobachteten ihn.
Und mit 2 oder 3 Sätzen die er ruhig in den Hörer sprach hatte er alles zu seinen Gunsten gerichtet.
Manche hielten das für göttliche Intuition, aber dafür hätte es einer Ehrfurcht vor anderen Mächten bedurft. Er hatte sich dabei aber stets nur auf sich selbst verlassen. Und jetzt war er verlassen.
Alles was er jetzt noch tun würde, würde die Situation nur noch beschleunigen.

Noch einmal nahm er den Hörer auf, wählte ihre Nummer.
Die Leitung war tot, kein Anschluss unter dieser Nummer.
Er sah auf das Display. Nein, er hatte sich nicht verwählt.

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und sah sich am Ufer eines Teiches stehen. Er suchte am Boden nach flachen Steinen und warf den ersten in die Mitte der ruhigen Wasserfläche und sah zu wie sich Sprung um Sprung Kreise auf der der Oberfläche bildeten.

Mit dem Mauszeiger fuhr er die Linien auf dem Monitor nach, dann fuhr er den PC runter.
Eine Weile saß er noch an seinem Schreibtisch und sortierte Stifte und Zettel hin und her, dachte kurz über eine letzte Verwendung dessen nach um sich dann dagegen zu entscheiden.

Er richtete seine Krawatte, knöpfte sein Jackett zu und wartete bis die nächsten Wolken die Jalousie wieder hochfahren ließen, dann öffnete er das Fenster.






Montag, 11. Mai 2009 - 10:39 Uhr
awareness


"... und warte," hast du gesagt.
Jetzt warte ich, gefesselt, die Augen verbunden.
Mir ist ein wenig kalt, so wie einem ist wenn man schutzlos nackt ist.

Ich horche in mich, mein Puls ist deutlich, ein bisschen schneller. Ich höre das Blut in Wellen durch meinen Körper rauschen.
Jemand im Haus kippt einen Lichtschalter, Dielen knarren, wenig später noch einmal.
Leise Musik dringt zu mir, ganz leise, dein Feuerzeug schnippt, ich rieche Rauch. Eiswürfel klirren im Glas.
Du stehst auf, gehst zum Fenster, bewegst das Eis klirrend im Glas.
Trinkst, ich höre wie sich dein Adamsapfel beim Schlucken bewegt.
Das schnippen der Asche, ein letzter Schluck, die Eiswürfel gleiten zäh am Glas hinab und klirren am Grund aufeinander.
Ich atme, zu laut, obwohl ich mühsam versuche meine Aufregung zu beherrschen.
Ich beherrsche nichts, nicht einmal die geringsten Funktionen.
Wir kennen uns so genau und trotzdem gelingt es mir nie.
Wir sind dabei wie Fremde und trotzdem nah.
Ich bin zu weit bei mir um noch die Deine zu sein, du wirst mich holen.
Ich kenne die selbst nicht, die ich gleich sein werde, sie ist immer anders, neu und alt und manchmal ganz jung. Sie geht den Weg den du zeichnest.
Klein ist sie, wenn sie da unten ist, vor den Türen steht, die du öffnest.
Sie fürchtet die Dunkelheit dahinter und will doch hinein.

Ich seufze, jetzt habe ich nicht hingehört. Meine Sinne suchen dich.
Du stehst am offenen Fenster und atmest ruhig, dir gelingt das, du lieferst dich anders aus.
Du zeigst dich, mich schälen wir, Schicht um Schicht, bis ich offen bin.
Ich habe ein wenig Angst, jedes mal, nicht vor dir, vor mir.
Vor dem Schmerz, den ich doch will, um auf seinen leuchtenden Leitlinien nach unten zu gleiten.

Jetzt nähern sich deine Schritte, dein Atem wird lauter.
Die Türklinke knarrt ein wenig.
Würdest du jetzt die Tür aufstoßen und laut sein wäre mein Fluchtreflex geweckt, aber du lässt mir die Qual der leisen Töne, der Langsamkeit.
Damit sich das furchtsame Denken langsam in mir ausbreiten kann.
Der Saum deiner Jeans berührt bei jedem Schritt leicht den Boden, ich höre du kommst barfuß zu mir, dein Wimpernschlag.
Ein angedeutetes Räuspern als deine Hände den Gürtel öffnen und ihn langsam Schlaufe und Schlaufe aus deiner Jeans ziehen.
Der Puls dröhnt durch meinen hastigen Atem.
Dann spüre ich dich Haut auf Haut, ein Moment der Beruhigung.
Ja, du bist da und das ist gut. Ich fürchte nichts.
Mein Herz gleicht sich deinem an.
Ich ahne was kommen wird und weiß wie es endet.

Ein Rausch bei dem sich alles dreht und wendet.
Wie ein Sog der mich nach unten treibt und du an seinem Rand bleibst, oben.
Deine Hand wird mich greifen, immer wieder, bevor er mich verschlucken kann, diese Gnade gewährst du mir lange nicht.
Sein Wirken ist mein größtes Sehnen, wenn alles in mir - ausblenden - schreit und du mir nur kurze Wellen davon gönnst, dann ändert sich alles, für einen kurzen Moment. Dann reißt du mich aus mir heraus wie eine faule Pflanze.

Ich bin ruhig, darauf hast du gewartet, löst dich von mir.
Alles an mir ist angespannt, und wartet, auf das Leder.


synaesthetisch - 2 Minuten-März

Freitag, 13. März 2009 - 15:21 Uhr
synaesthetisch


"Weißt du", murmelte sie dunkelgrau summend in die bläuliche Kälte der Baumwolle "ich sehe was, was du nicht siehst:"
"Hmmm", tastete sich seine halbrunde dunkelbraune Antwort zu ihr vor.
Sie ahnte seine eigentlich wiesengrünen eckigen Worte dahinter:
Oh nein, bitte jetzt keine dummen Spielchen, ich bin müde.

Der nächtliche Sturm tobte zackig und schwarz hinter den Fenstern und raubte ihr den silbernen, nach Veilchen duftenden, Schlaf.
"Weißt du eigentlich das es unterschiedlichen Regen gibt?"
"Unsinn, Regen ist nass und das ist er immer. Die Tropfen sind mal größer und mal kleiner, das ist alles."
"Hm, aber er sieht unterschiedlich aus."
"Natürlich tut er das!"
"Ich meine das anders, Winterregen ist zum Beispiel dunkelblau, riecht ein wenig nach Eisen und macht harte, dunkle Töne. Mairegen dagegen ist hellgrün, rund und riecht nach Maiglöckchen."
"Das ist im Mai ja nicht weiter erstaunlich."
"So meine ich das doch nicht, ich meine das Wort Mairegen riecht nach Maiglöckchen."
" Jetzt bin ich aber erleichtert, dass das Wort Mairegen nicht nach Käsefüßen riecht."
"Käsefüße? Igitt, ich kenne kein Wort, das nach Käsefüßen riecht, nicht einmal das Wort selbst, das wäre mir zu eklig."
"Aber das wäre wenigstens noch halbwegs logisch, auch wenn ich nicht glaube, das Worte riechen können."
"Und weil du etwas nicht glaubst, existiert es nicht?"
"Ich glaube an alles was sich logisch erklären lässt."
"Typisch (blinkendes hellblau) Mann (rundes dunkelbraun)!"
"Was soll das denn jetzt heißen?"
"Ihr müsst immer alles logisch (stumpfes, stummes schwarz) erklären können."
"Ja!"
"Ach, und was ist dann mit Liebe (warmes, summendes, rundes dunkelrot), kann man die logisch erklären?"
"Gefühle haben eine logische Ursache, man mag jemanden oder eben nicht, man ärgert sich über den blöden Nachbarn, man freut sich über etwas schönes. Das ist die Logik daran!"
"Und was ist mit dem blöden Nachbarn, wenn er dir ein schönes Geschenk (bunt, eckiges Kribbeln) macht?"
"Warum sollte er das tun?"
"Weil du vielleicht für ihn wie sein Lieblingswein riechst?"
"Seit wann rieche ich nach Wein?"
"Tust du doch gar nicht wirklich. Du riechst nach dem Gefühl, das man hat, wenn man über einen Pfirsich streicht."
"Ich rieche nach Pfirsich?"
"Nein, nach dem Gefühl wenn man über einen Pfirsich streicht."
Seine Hand ( raues, warmes hellbraun) schält sich aus der Decke und befühlt ihre Stirn: "Hast du Fieber (knotiges, waberndes, surrendes Seil)?"
"(grünes)Wieso?"
"Weil du so wirres (fliegenschwarzes Summen) Zeug redest."
"Wieso ist das denn wirr? Es ist nur eine andere Realität."
"Aber es ist total unlogisch. Ich rieche nicht nach Pfirsich und unser Nachbar wird sich hüten mir ein Geschenk zu machen."
"Du und deine Logik."
"Na, dann erklär es mir doch!"
"Versuch ich doch die ganze Zeit (hellblau, wässrig)."
"Du erzählst unlogischen Unsinn (hüpfendes bunt)."
"Nur weil du andere oder keine Vorstellungen von den Worten hast ist es Unsinn. Hast du denn keine Farbe, zum Beispiel für die Liebe?"
"Ok, wenn du so willst, dann ist Liebe rot, Hoffnung grün und Neid gelb. Und die Treue ist glaube ich blau, auf jeden Fall ist irgendwas blau."
"Dein irgendwas ist blau?"
"Nein, irgendwas war blau."
"Und jetzt ist irgendwas nicht mehr blau?"
"Herrje, dann ist es eben grün."
"Nein, das ist doch schon die Hoffnung, es sei denn sie riecht anders, dann ginge das."
"Ich habe noch die Hoffnung das du mich bald schlafen lässt."
"Jetzt weichst du aus, weil dir die Argumente (männlich, hart ) ausgehen:"
"Nennen wir es einfach Geduld (tiefes o)."
"Ich finde dich jetzt gar nicht geduldig."
"Nein (blechernes schwarz), die geht mir ja auch gerade aus."
"Und ich dachte schon, du hättest es verstanden weil deine Liebe rot ist."
"Meine Liebe ist nicht rot, die ist ehrlich (strahlendes gelb)."
"Aber logisch ist sie nicht!"
"Nein, sie ist ein positives Gefühl, noch zumindest."
"Also glaubst du gar nicht das es Liebe gibt?"
"Wie kommst du denn jetzt darauf?"
"Weil du nur an Dinge glaubst, die man logisch erklären kann."
"Wir drehen uns jetzt im Kreis (dunkel summendes rot)."
"Das tun wir doch öfter."
"Ich weiß."
"Und ist das schlimm?"
"Meistens nicht."
"Aber heute?"
"Du machst mich wahnsinnig!"
"Ok, gute Nacht."
30 Sekunden später tauchte sie in veilchenblütigen Schlaf.
2 Stunden später lag er immernoch wach und dachte darüber nach, wieso es kein Wort gab das nach Käsefüßen roch und ob die Liebe tatsächlich unerklärlich und rot war.






Dienstag, 10. März 2009 - 19:51 Uhr
2 Minuten - März


leichter Wind, vereinzelt warme Regentropfen
die Bergenienblätter schlaffen noch so vor sich her
tete`a tete` kämpfen sich durch das blaurote Geblätter
das Laub vom letzten Jahr, Frostschäden
versprengte Terracottasplitter
kann man Engelstrompeten schadlos blasen
ich sollte Lavendel rauchen
der macht vielleicht blaue Finger
ein Hauch Sonne und man könnte den Frühling sehen
noch nie hab ich Krokusse oder Krokeen gepflanzt
unzulängliche Wortbildung, Findungsverlust
seit neuestem sind Giraffen meine Lieblingstiere
ich mag ihre Farben, Muster mit klaren Strukturen
an irgendwas muss man sich ja festhalten
kippen die bei Sturm, und können sie Treppen steigen?
neunzehn Schwäne heute morgen, mit Singsang
hat so etwas eine Bedeutung?
Schwäne sind keine Kraniche
sie sagen nichts aus über den Altersdurchschnitt
drei Knochenschädel auf dem Tisch
die Bilder von Edvard Munch entzünden etwas in mir
Entzündung ist auch so eines von den Worten
die man zu etwas benutzen könnte
wo beginnt Pornographie?
Ist doch alles nur Fantasie
derzeitige Reduktion auf Neutralität
nicht Fisch, nicht Frau
Prioritäten sind veränderbar
etwas von mir vorübergehend weggeschlossen
aufgeschoben ist nicht aufgehoben
irgendwann ist alles möglich
minderschwer, gelassene Gewissheit
aneinander, aber nicht aufreiben
warten... Junimantra...
2 Minuten im März









Sonntag, 3. Oktober 2010

Hinterglas - grau-zone





Dienstag, 10. März 2009 - 14:57 Uhr
Hinterglas


Sie stand am Fenster, das Dunkel war vor der Scheibe, hinter ihr im Raum und mittendrin in ihr.
Das einzige was sie spürte war die Kälte der großen Glasscheibe vor ihr.
Ihre Stirn war nur Millimeter vom Glas entfernt. Würde sie sich jetzt dagegen lehnen, dann würde man beim nächsten Sonnenschein den fettigen Abdruck ihrer Stirnfalten dort erkennen können.
Sie würde diesen Fleck betrachten, stundenlang würde sie darauf starren, bis sie endlich den Blick davon nehmen könnte um aufzustehen.
Sie würde einen der sorgsam gefalteten Lappen aus der oberen rechten Schublade nehmen, dann die Tür darunter öffnen und die Flasche mit dem Glasreiniger nehmen. Die dritte Flasche in der vorderen Reihe, die so stand, dass man den Sprühhebel gleich richtig in der Hand hielt.
Mit der anderen Hand würde sie die Düse auf "spray" stellen um seufzend vor der Scheibe zu stehen und den Strahl auf den Fleck richten. Sie würde solange putzen bis all ihre Spuren beseitigt wären.
Bis nichts mehr zu erkennen wäre von ihrer Anwesenheit, als wenn sie niemals hier gewesen wäre., unsichtbar.
Keine Spuren zu hinterlassen, das war das wichtigste.
Spuren bereiteten ihr Unbehagen, alle, immer und überall.
In ihrem Leben hatte alles einen festen Platz und Plan.
Staub wischen täglich, morgens und abends.
Das Bad putzte sie nach jeder Benutzung, genauso die Küche.
Den Boden wischte sie jedesmal auf wenn sie von draußen herein kam, deshalb vermied sie es die Wohnung unnötig zu verlassen.
Alles andere waren Automatismen, die keinerlei Begründung brauchten.
Das hier war ihre keimfreie Schutzhülle, es herrschte Ordnung, penibel durchstrukturiert.
Hier würde sie sich jederzeit zurechtfinden, selbst wenn sie plötzlich von einem Tag auf den anderen erblinden würde.
Jede Veränderung, jeder neue Gegenstand würden sie nur zu neuen Überlegungen, zu völliger Umstrukturierung des Gewohnten zwingen.
Sie hatte schon ganze Tage damit zugebracht alles umzuräumen, neu zu ordnen und gründlich zu putzen, nur weil eines ihrer gewohnten Produkte unsinnigerweise eine neue Verpackung bekam.
Sie hasste Veränderungen, sie machten alles so kompliziert.
Geschenke waren auch so etwas kompliziertes, meist sowieso nur unnötiger Tand wie hässliche Porzellankatzen oder verschnörkelte Kerzenleuchter.
In ihrem ganzen Leben hatte es nie eine Katze gegeben und Kerzen zündete sie auch nie an. Das Geflacker machte sie halb wahnsinnig.
Irgendwann, als endlich niemand mehr zu ihr kam, der neben all dem Schmutz solch lästige Dinge in ihre Wohnung brachte, da hatte sie all das in einen Karton verstaut, ihn fest zugeklebt um ihn dann ganz hinten im Schrank zu verstauen.
Niemand mehr, der nach Porzellankatzengeschenken Ausschau hielt und dabei jeden Krümel und jeden Fussel erspähen würde, die ihr entgangen waren.
Niemand mehr, der ihre Sofakissen verknüllte und faltig saß, der Ränder und Krümel hinterließ, etwas verrückte und anfasste.
Jedesmal hatte sie hinterher Stunden gebraucht um wieder Ordnung zu schaffen.
Nach dem letzten Besuch hatte sie sich nach dem Abschied aufatmend an die Tür gelehnt und war angesichts des Chaos fast verzweifelt.
Vielleicht hatten sie ihr Unbehagen auch gespürt, weil schließlich wirklich niemand mehr kam.
Keine Unordnung, keine Geschenke, kein Schmutz und vor allem nicht all diese unnützen Worte.
Sinnlos schwirrten sie ihr tagelang noch durch den Kopf.
Sie wusste nichts von den Menschen um sie herum, sie wollte auch nichts wissen. Sie wusste ja von sich selbst kaum genug, wollte auch nichts wissen.
Essen und trinken musste sie, alles andere erledigte ihr Körper ganz von allein, die Zusammenhänge kümmerten sie nicht.
Das war alles sinnvoll eingerichtet und hatte seine Ordnung aus sich selbst heraus.
Bedürfnisse hatten keinen Raum in ihrem Leben.
Die wenigen, die sich an die Oberfläche hätten wagen können, wie Hunger und Durst hielt sie mit festen Zeiten und Riten streng im Griff.
So konnten sie gar nicht erst entstehen und für Irritationen sorgen, solange nur alles in festen Bahnen lief.

Dass sie hier jetzt stand und aus ihrem Dunkel in das Dunkel dort draußen starrte, das war abseits ihrer Ordnung, schon fast Chaos.
Eine einzige, kleine Einzelheit hatte sie aus der Bahn geworfen, aus ihren Kreisen um sich selbst eine Ellipse werden lassen.
Sie spürte diese Unwucht in sich.
Die Töne in ihrem Kopf waren kein gleichtöniges, rundes "ssssss" mehr,
sie waren zu einem "ssssss - wosch - ssssss - wosch - ssssss - wosch"
geworden und das "wosch" wurde immer lauter.
Ein Nachhall in ihrem Schädel, der, wie in stereo, die Seite wechselte und mit jedem "wosch" seitlich gegen ihren Schädel schlug und dabei stetig an Schwung dazugewann.
Das warf sie aus ihrer gewohnten Bahn und zwischenzeitlich hatte sie das Bedürfnis sich im Gleichklang pendelnd mit dem "wosch" zu bewegen, wohlweislich sich damit noch mehr aus der Spur zu schleudern.
Ein gefühltes Bedürfnis, es grauste sie davor, aber trotzdem hatte sie ihm nachgegeben. Seit ein paar Minuten wiegte sie den Kopf im Takt des "wosch" von einer Seite zu anderen.
Das Licht der Straßenlaterne zeichnete einen Lichtbogen vor ihren Augen und ihre Bewegungen brachten das "wosch" noch mehr zum Schwingen.
Sie bewegte ihren Kopf schneller und schneller, fühlte dabei, wie ihr Hirn im Innern ihres Kopfes seitlich an die Hülle klatschte.

Etwas kehrte zurück, aus dem "wosch - sss - wosch - sss - wosch" wurde ein "watsch - watsch - watsch", ihr Kopf flog hin und her.
Worte drangen zu ihr, unordentlich und böse.
Sie war unordentlich und böse gewesen, schmutzig. Das watsch war ihre logische Konsequenz daraus gewesen.
Die Konsequenz wenn sie unordentlich, bedürftig oder schmutzig gewesen war.
Wenn sie Marmelade mit den Fingern aus dem Glas genascht hatte (diese Keime, Dreck), ein Brot gegessen hatte, zur Unzeit, gegen den Hunger (maßlose Gier), ein Fleck auf dem Kleid (Dreck), Schande war das alles.

Mit dem großen scharfen Messer hätte sie sich ohne Mühe einen Finger abtrennen können, aber sie schaffte es nicht, auf dem wackligen Stuhl stehend, eine Scheibe Brot gerade abzuschneiden.
Vermeintlich hatte sie alle Krümel aufgewischt, alles wieder an seinen Platz geräumt, aber die Spuren, die sie hinterlassen hatte, sah man dem Brotlaib deutlich an. Jeder konnte und musste sich ansehen was sie getan hatte, später trug sie ebensolche Spuren deutlich in ihrem Gesicht "watsch".
Bedürfnisse hinterließen immer Spuren, sichtbare und unsichtbare, jeder sah sie, Schande.
Trotz allem waren die unsichtbaren die, die sich einprägten, innerlich wie äußerlich.
Trotz allem hatte es Jahre gedauert bis sie gelernt hatte, ihre Bedürfnisse zu zähmen, ihren Hunger zu unterdrücken und letztendlich hatte sie auch gelernt Brotscheiben spurlos gerade abzuschneiden.
Trotz allem genügte ein einziger Krümel um sie und ihre unstillbare Gier zu verraten.
Jeder Krümel bedeutete Schuld, ihre Schuld, niemand anderes im Hause war so gierig wie sie, alle anderen warteten auf die Mahlzeiten.
Aber sie hatte ihre Methoden, Gier konnte man mit Hunger bekämpfen, wie man böse Worte mit Seife auswaschen konnte, bis es tief im Hals schäumte.
Sie lernte zu hungern, erst einen Tag dann 2 und 3 Tage.
Sie saß in ihrer Kammer und zählte die Lichtflecken, die das Muster der Gardinen durch die Fenster auf den Boden und an die Wände warf.
Jeder Windhauch, jede Wolke brachten Unordnung, Chaos und sie wieder an den Anfang zurück.
An den Anfang von Hunger, Gier und Schuld.
Wieder begann sie die Schandflecken, wie sie sie nannte, zu zählen, die an den Wänden und auf dem Boden, die auf ihrem Körper zählte sie nie.

Drei Tage später saß sie stumm am Tisch, starrte auf die akkurat abgeschnittene Scheibe graues Brot ohne auch nur einen Bissen davon zu wollen.
Alles schien ihr grau und trocken wie das Brot, die Fadheit der Umgebung färbte ab, auf ihr Brot, ihre Seele, auf ihr leben.
Alles blassgrau, spurlos, unsichtbar.
Spurlose Reinheit, keimfreie erste Schritte.
Wer nichts nahm musste auch nichts hergeben.
Wäre sie damals einfach dort sitzengeblieben und hätte sich nach und nach im halbdunkel aufgelöst, niemand hätte es bemerkt.
Jemand hätte Tage später ärgerlich ihren Stuhl an den Tisch geschoben, allerhöchstens hätten sie die Möglichkeit vermisst irgendwo auf ihr ihre Spuren hinterlassen zu können.

Sie hatte noch Jahre in dem Halbdunkel zugebracht, hatte zugesehen, wie das Resopalmuster des Küchentisches unter dem täglichen scheuern stetig verblasste und wie sich der dunkelrote Linoleum langsam an den rissigen Kanten auflöste um mit seiner hässlichen Unterseite gierig nach Leben zu blecken.

Heimlich hatte sie für die Herstellung der eigenen Ordnung gespart.
Hals über Kopf zu handeln hatte man ihr gleich oberhalb des Herzens abgeschlagen.
Andere rebellierten, probten den Aufstand und die Freiheit, sie saß aus und wartete, abseits, wo nichts und niemand störend in ihre Ordnung eindringen konnte.
In vorgeschobenen Überstunden richtete sie sich heimlich ein, schlicht, alles für 6 Personen, wie üblich und ein schmales Bett.
Ein Bett das keinen Platz ließ für Bedürfnisse und Gier, das hatte sie bis dahin nicht erlebt und auch niemals in all den Jahren danach.
Nicht einmal solche Träume hatte sie, wovon auch hätte sie träumen können.
Als alles bereit war ging sie, wortlos, spurlos, ließ alles hinter sich, zumindest offensichtlich.

Nur selten gab sie jemandem einen oberflächlichen Einblick in sich, wobei Einblick schon ein zu tiefgreifender Begriff war.
Sie wirkte glatt und kühl, bis schlussendlich alle aufgaben und sie alles in dem Karton verstaute. Man nahm sie hin, aber kaum noch wahr.
20 Jahre dort, 20 Jahre hier und jetzt stand sie hier im Dunkel, bewegte sich immer schneller zu den Geräuschen in ihrem Kopf.
Wie eine Dampflok, immer schneller, wosch --- wosch --- wosch -- wosch -- wosch -- wosch - wosch - wosch - wosch wosch - woschwosch - woschwoschwosch, die keine Möglichkeit hatte den Dampf abzulassen.

Begehren, spüren wollen, Körper und Geist in Schwingungen versetzen, Rotationen.
Da war ein Beben in ihr, das sich ihrem Selbst stetig donnernd näherte.
War das nur der Überdruck, die Gier, grundsätzliche Bedürfnisse, die sich Raum schaffen wollten?
Es bebte, donnerte und tobte sich nach außen hin durch, wie alte Haut die sich schält, reißt und durch die man sich selbst entschlüpfen könnte.
Sie ballte die Hände zu Fäusten, zitterte, zuerst nur die Beine, dann der ganze Körper.
Sie spürte sich, ihren Körper, das erste Mal seit langem.
Mehr davon, sie wollte mehr.
Auf eiskalten Wellen reiten, aus allen Wolken fallen, heißen Sand zwischen den Zehen, der die Haut dazwischen verbrannte, über glühende Kohlen laufen und das verbrannte Fleisch riechen.
Brennen war wichtig, vielleicht, wenn sie noch eine Weile so stand, vielleicht würde sie sich selbst entzünden.
Zuerst sich, dann die Gardinen, dann den Rest und der Feuerschein würde in der halben Stadt zu sehen sein.
Aber vorher musste sie noch etwas tun, fühlen, spüren was Leben ist.
Langsam öffnete sie den Mund und entließ den sich aufbäumenden Schrei, stumm zuerst, dann immer lauter, grell und beißend, bis die Welt dort draußen in Scherben sprang.
Kleine Splitter davon trafen sie, Blutfäden zeichneten Spuren als sie ging.
Unter freiem Himmel wollte sie schlafen, in dieser Nacht und in allen folgenden.

Monate später kannte sie jeder in der Stadt.
Die eingewachsenen Splitter in ihrer Haut hatten dicke rote Beulen hinterlassen und von Zeit zu Zeit stand sie irgendwo barfuß und ließ mit ihrem Schrei die Scheiben bersten.






Mittwoch, 28. Januar 2009 - 14:15 Uhr
grau-zone


"Weißt du," murmelte sie vor sich hin, während sie mit einem Auge die Reihen des frischgrünen Wintergetreides zählte, "so lange ist das gar nicht mehr hin."

Sein Schritt, immer um eine grüne Reihe länger als der ihre, war ihr ein Stück voraus, und er hörte nichts von ihrem Gemurmel.
Vielleicht hätte er sonst gefragt, was gar nicht mehr so lange hin ist.

"Wir sind schon längst nicht mehr so wie die Wintergerste, wir sind schon mehr halbreif, nicht mehr lange und die Ernte steht an.
Noch einen Frühling, einen warmen Sommer und dann kommt unser Herbst.
Noch recken und strecken wir uns allem entgegen und sind doch niemals gewiss, wann der nächste Sturm uns bricht.
Vielleicht biegt er uns nur ein wenig und wir richten uns wieder auf.
Das würde ich mir wünschen, das wir es bis zur Erntezeit schaffen.
Ein zartes Frühjahr, alles langsam wachsen und gedeihen lassen können.
Und einen heißen Sommer, der lange hält.
Ein Sommer in dem alles zu brennen scheint, in dem die Hitze nur so flirrt.
In dem man vergehen möchte vor Glut und nachts verschwitzt in die Laken sinkt.
Zur Langsamkeit gezwungen.
Am Abend lange Gespräche in der Dunkelheit, wenn rundum die Grillen zirpen.
So nah sein, das auch dunkle Tage nichts ausmachen, weil die Hitze hält.

Irgendwann gleitet der Sommer ganz unbemerkt in den Herbst.
Golden muss er nicht sein, nur die Wärme sollte bleiben, damit ausreifen kann was wir einst gesät haben.
Und lang sollte er sein, damit die Ernte noch auf sich warten lassen kann."

Inzwischen hatten graugelbe, morsche Maisstrunken das Grün abgelöst und in der halb umgekippten Unordnung gab es nichts mehr zu zählen.
Aber Zahlen und Fakten waren auch nur Randerscheinungen bei dem was sie bewegte.
Wie unwichtig waren Stunden, Tage, Jahre, wenn man nie wusste wie lange es noch dauern können würde.
Die Differenz zwischen plötzlich und unendlich war einfach zu unübersichtlich.
Das Ziel war immer in unerreichbarer Ferne, unsichtbar sozusagen.
Die Realität konnte ganz anders, viel schmerzlicher aussehen, so vieles, was dazwischenkommen, alles verändern könnte.
Plötzliche Kurven, die die Richtung verändern würden.
Manchmal war es nur ein Hauch von Zeit, der alles veränderte.
Ein falscher Griff, ein unbedachter Schritt und alles würde sich verändern.
Ob das nun geplant oder gewollt wäre, von irgendwem, ob es zwangsläufig so sein musste, oder ob man dadurch wirklich alles veränderte, dem Leben eine andere Richtung gab, oder nur der vorgegebenen Richtung folgte. Wer konnte solche Fragen schon beantworten. Und was würde sich ändern, wenn man die Antwort wüsste?

" Weißt du, ich glaube dass bis hierher alles gut und richtig war, weil es ist, wie es ist.
Wenn auch nur ein Schritt anders gewesen wäre, dann würden wir jetzt nicht hier gemeinsam gehen.
Das ist ein Gefühl wie auf dem richtigen Weg zum Ziel zu sein.
Noch zählen wir unsere neuen Falten und die grauen Haare, die von Zeit zu Zeit hinzukommen.
Irgendwann wird auch all das unwichtig sein, dann verlieren Anti-Ageing Produkte ihren Sinn und vielleicht habe ich irgendwann lange graue Haare.

Ich habe nur einen einzigen wichtigen Wunsch, eine Bitte an das Leben.
Irgendwann möchte ich das wir miteinander soweit sind, dass wir mitten im Sturm auf einem Bein uns gegenüberstehen, die Fingerspitzen aneinanderlegen und lachend sicher stehen können."

Sein Schritt, immer ein wenig weiter als der ihre, war ihr ein Stück voraus, und er hatte von ihrem Gemurmel nichts verstanden.
Vielleicht hätte er ihrem Wunsch sonst zugestimmt.



Sie müssen diese Wünsche aufgeben können,
oder sie ganz und richtig wünschen.
Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen,
dass Sie der Erfüllung in sich ganz gewiss sind,
dann ist auch die Erfüllung da.
Hermann Hesse

auf-gelöst - Honeymoon


Sonntag, 11. Januar 2009 - 15:33 Uhr
auf - gelöst



Mitten im plötzlich treffen sich die Blicke,
ihrer senkt sich zwanglos zwangsläufig,
während seiner beharrlich auf dies senken beharrt.
Seine Worte, wie Nadelspitzen, kehren alles um,
was eben noch so ebenbürtig schien.

Im Denken kommt ihr der Boden näher,
freier Fall der Sinne, ohne Netz.
Aufgabe, stehend bloßgestellt ertragen müssen,
keine Antwort wissen.
Fragen bohren sich ins Denken,
rotieren um sich und die richtigen Worte,
die folgerichtig falsch nur sein können.

Scham darob macht klein und kleiner,
hinsinken können wäre jetzt erlösend.
Darum bitten, wäre zu infam
und so jetzt nicht gewollt.
Dahintreiben, getrieben werden, treiben lassen
treffend Schlag um Schlag, Wort um Wort.
Das brennt nicht nur äußerlich sich ein,
betreten, betroffen auch davon.
Wo Schmerz nicht wirkt treffen Worte,
greifen direkt ins Seelenmark.
Räumen aus was im Wege ist,
bis ans Ende der gewagten Tränen,
dort wo unten ist.
Keine Wucht, kein Kampf, ein gleiten nur,
und letzten Endes nur ein sinken.
Spuren schwarz zerflossen im Gesicht
rot auf blasser Haut, bläuliches - erahnend
das es bleibt für eine Weile.
Für eine Weile nur so bleiben,
Haut an Haut sich Nähe bahnend,
im auszittern den Rauch genießen.
Halten was da ist zwischen zweien.


Freitag, 16. Januar 2009 - 12:48 Uhr
honeymoon



Vor Stunden hatte sie am Fenster gestanden und reglos auf den hell erleuchteten, sandigen Hofplatz gestarrt.
In den Häusern rundum waren längst alle Lichter erloschen.
Hier begann man sein Tagwerk früh mit den Hühnern und beendete es meist kurz nach dem letzten Hahnenschrei.
Manchmal brannte noch eine einzelne Funzel, weil es noch etwas zu flicken oder zu richten gab, letzte Vorbereitungen für den nächsten Tag.
Sie hätte auch müde unter die dicken Daunen kriechen sollen, mit Rücken und Hinterteil das Strohlager unter sich in passende Kuhlen rücken, und dann schlafen.
Aber manches konnte sie an bestimmten Tagen nicht ausblenden.
Und wenn der Mond mit wachsender Nacht immer näher zu ihr kroch, dann war an Schlaf nicht zu denken.

Sie dachte an den Wurf junger Katzen, der jetzt draußen im Schuppen ins Fell der grauen Katze kroch. Das hätte sie schon vor vier Wochen erledigen sollen, aber sie hatte dagestanden, die kleinen wimmernden Bündel in der Hand, vor sich den Zinkeimer voll Wasser.
In Gedanken sah sie die strampelnden kleinen Pfoten und die ewig lang aufsteigenden Luftblasen und sie hatte eines nach dem anderen wieder vom Boden aufgesammelt und in die Schürzentaschen gestopft. Dann war sie zurück in den Schuppen gestapft und hatte der sich putzenden Katze ihre Jungen samt schlechtem Gewissen wieder untergeschoben: " Verdammte Hur, verdammte Kater!"

Einmal in ihrem Leben, ein einziges Mal hatte sie sich auch vergessen, damals mit dem Ludwig, hinter dem Stall.
Nichts hatte sie gesagt, dabei keinen Ton, und in den Monaten danach kein Wort, bis es unübersehbar wurde.
Windelweich hatte der Vater sie geprügelt, auch das hatte sie schweigend ertragen, war er doch im Recht, als er sie Hure schimpfte, denn Liebe war das nicht.
Man verbot ihr für den Rest der Zeit den Hof zu verlassen und verpflichte das Gesinde zum Schweigen.
Am Ende hatte dann die alte Magd das Kind mit den Füßen voran in die Welt gezerrt.
Alles an und in ihr riss, als man das leblose Bündel in einen alten Sack stopfte und der Vater damit im Wald verschwand und eine Stunde später schwitzend mit dem leeren Sack in der Hand zurückkehrte.
Damit war die Sünde begraben, aber nicht vergessen.
Fortan sprach er kein Wort mehr mit ihr.
Am nächsten Tag schickte man sie wieder hinaus aufs Feld.
Abseits der anderen sah sie, wie Ludwig dort lachend mit den anderen scherzte und mit der Luise poussierte.

Trauer hatte weder Raum noch Zeit, worum hätte sie auch trauern können.
Das Balg hatte weder Geschlecht noch Namen.
Nachts, wenn sie sich schlaflos wälzte, nannte sie es manchmal
"mein Kind".
In ihren Träumen wuchs es heran und sie war ihm eine gute Mutter.
Aber nie wieder wollte sie einen Mann in das Schlachtfeld der Sünde unter ihren Röcken einlassen.
Lange Zeit, eine sehr lange Zeit, war ihr das auch gelungen.
Lumpenhunde waren sie allesamt in all den Jahren.

Wie der Ludwig, den hatte der Suff dahingerafft, nachdem die Luise die Niederkunft des fünften Kindes nicht überlebt hatte.
Steckengeblieben wars und man hatte beide miteinander begraben und dann die vier anderen im Dorf verteilt, nachdem der Ludwig nach der Beerdigung nichts anderes mehr tat, als Selbstgebrannten zu trinken und zu brennen und zu trinken und zu brennen.
Das war ihr dann wenigstens erspart geblieben, bei aller Schande.

Die Eltern starben Winter auf Winter und sie gab die Pacht und das Gesinde auf und hielt nur das letzte Stück eigenes Land.
Obst und Gemüse, eine Kuh und eine Sau, und von allem, den Teil, den sie für sich selbst nicht brauchte, vom Frühjahr bis zum Herbst für den Markt.

Genügsam war sie in all den Jahren, äußerlich und innerlich.
Sie litt keinen Hunger, keinen Durst und entbehrte auch sonst keine Wärme.
Es gab Arbeit für den Sommer und für den Winter, wobei der Winter stets mühseliger war.

Ihre Eltern waren nur seltene Kirchgänger gewesen, so vermisste man sie dort auch nicht, ebensowenig wie sonst im Dorf.

Sie ging nirgendwo hin und niemand kam zu ihr.
So konnte sie ihrer kleinen Sünde ungestört frönen.

Einmal in der Stadt hatte sie sich unsinnig verführen lassen.
Nein, nicht von einem Mann, sondern von einer Papeterie.
Im Fenster hatte sie all die Federn, Pinsel, Farben und Paletten bewundert.
Lange stand sie vor dem Fenster und überlegte, bis ein Herr in Schwarzem Mantel mit Pelzbesatz und Kinnbärtchen die Türglocke beim eintreten schellen ließ.
Magisch angezogen folgte sie ihm, bevor sich die Tür gänzlich schloss.
Der Geruch von Leim und Papier war überwältigend, einer der schönsten Düfte die sie je erreicht hatten.
Sie folgte dem Herrn wie ein Schatten und sog auf, was er an Wissen im Gespräch mit dem ältlichen Händler feilbot.
Augen und Ohren überwachten was er auf seinen Stapel legte, während ihre Hände hier und da über ein Stapel Bütten strichen.
Als er seine Runde beendet hatte und mit dem Händler in Richtung der protzigen Registrierkasse schritt blieb sie hinter dem Regal mit den kolorierten Karten zurück.
Das Bündel wurde sorgsam in Papier eingeschlagen und verschnürt, die Summe wurde in einem Block zu anderen addiert.
Ihre Augen folgten ihm und dem Klingeln der Türglocke, es wäre ein leichtes gewesen ihm wieder zu folgen, aber etwas hielt sie.

"Meine Dame, wie kann ich Ihnen behilflich sein? Welchen Wunsch kann ich Ihnen erfüllen?"

Meine Dame, seufzte sie in Gedanken.
"Ich nehme das gleiche wie der Herr eben!"
Nur kurz zeigte sich eine hochgezogene Augenbraue, und wenig später hielt sie ihr Paket mit Papier, Stiften und Kohle in der Hand.
Die zu zahlende Summe nahm sie nur am Rande als sehr hoch wahr und verließ den Laden ohne weiteres zögern.

Schwitzend und außer Atem erreichte sie am Nachmittag ihr Heim und wenig später saß sie an ihrem abgeschabten Küchentisch, all ihre Schätze vor sich ausgebreitet.

Sie griff nach Kohle und Papier und als erstes zeichnete sie den Herrn aus der Papeterie.
Wohliges Erschauern überlief sie als sie ihr Ergebnis betrachtete, so groß war die Ähnlichkeit.

In der folgenden Nacht träumte sie von ihm, und von sich, von ihnen beiden.

Der Tag zerrann in ewig langen Sekunden, bis endlich alles erledigt war und sie wieder zeichnen konnte.

Kurz schloss sie die Augen um die Bilder der Nacht wieder vor Augen zu haben, dann zeichnete sie ihn und sich, wie sie miteinander plaudernd im Park standen.

Sie träumte ihren Traum weiter, Nacht für Nacht und täglich zeichnete sie ihre Träume.
Wie sie sich langsam näherten, beim Kaffee, beim Diner, dann in seinem Salon, wie er ihr seine Werke vorführte.
Sequenz für Sequenz träumte und zeichnete sie.
Wie er dann sie zeichnete, erst im Portrait, dann als Akt.
Sie beide, nackt nebeneinander liegend auf dem Diwan, auf dem er sie eben noch gezeichnet hatte und ihre Leiber miteinander verschlungen, die Details seines Körpers, mit allen Falten, Haaren und vorstehenden Adern.
Seine Züchtigungen mit der flachen Hand auf ihrem Hinterteil und sie in demütigen, ruhigen Gesten zu seinen Füßen, seine Hand in ihrem zerwühlten Haar.
Alle Verwirrung ihrer Träume zeichnete sie sich aus den Gedanken und nur der feine Kohlestaub der sich mit der Zeit in den Ritzen der Küche niedersetzte verriet ihr sündiges Tun.

Nun stand sie hier am Fenster, sah hinauf in den hellgelben runden Mond und sann über den Traum der letzten Nacht nach.
Noch konnte sie die Bilder nicht zu Papier bringen, sie mussten erst noch eine Ordnung finden in ihrem Denken.

In ihren Träumen hatte er eine junge Frau zu ihnen eingeladen und sie hatten eine nachmittägliche Menage e troi, die sie alle drei genussvoll langsam hatten geschehen lassen und an deren Ende die junge Frau zu ihren Füßen saß und als sie den Kopf hob sah sie in ihr eigenes Gesicht.
"Mein Kind," hatte sie gesagt und dabei nach ihrem Kinn gefasst.