Freitag, 16. Juli 2010
- 16:11 Uhr
Kirschenzeit
Das Ziel kenn ich nicht
auch nicht den Sinn
verlier
mich in losen
Gedankenspinnfäden
und seh dir zu
wie du
dich lässig
in mein Leben lehnst
die Daumen locker
in
meine Herzschlaufen hängst
und Schlinge um Schlinge
dich in
mich knüpfst
***
selbstverständlich
ganz ohne
Willen
schlägst du im Takt
mit Worten nach mir
greifst an
mich
wo ich greifbar bin
und dringst dahin vor
wo ich dich
lassen kann
sind gierig
aufeinander
jeder für sich
ahnen
wir uns
***
tagträumende Gemeinsamkeiten
bis aus
dem wollen
ein Wille wird
vielleicht auch nur
eine
schillernde
Seifenblasenerinnerung
hab mir mitfühlend einen
wunschdenkenden Knoten
ins Haar geknüpft
und lass ihn
wolkengleich
aufsteigen zu dir
***
im
Kreidekreis der Verwirrung
ließ` ich dich frei
zerr` nicht
am Ende
will nur ein Ganzes
mit Haut und Herz
legt sich
eine
Schlinge um zwei
atemberaubend
zieht sie sich
enger
zauberhaftsgleich
dieser Sturz
ohne Netz
***
wartend auf die
Kirschenzeit
spucken wir
die
letzten Kerne weit
vollmundig genießen wir
bis dahin die süßen
Früchte
nicht ohne Grund
aber ohne Zweifel
bin ich
sicher
in dir
Freitag, 2. Juli 2010 - 19:47 UhrEinkehr
Sie hatte es einfach satt an diesem Abend, alles irgendwie.
Wenigstens von allem etwas. Der Tag in der Firma hatte ihr den
letzten Nerv geraubt und nach Feierabend war ihr nach Entspannung.
Sie schwankte zwischen Schwimmbad und Kino und entschied sich dann
für das Kino, weil ihr der Lärm im Schwimmbad immer die halbe Nacht
in den Ohren hing.
Aber der Film konnte sie nicht wirklich
fesseln, weil sie nicht am Thema bleiben konnte. Ihre Gedanken
verfransten sich immer wieder in der eigenen Unzufriedenheit. Nach
dem Ende des Films verließ sie fluchtartig das Kino um dann
unentschlossen vor dem hell erleuchteten Eingang zu stehen, durch den
schon die Besucher der nächsten Vorführung wieder hinein
drängten.
Ein hauchfeiner Nieselregen legte sich auf ihre
Schultern. Sie wollte jetzt nicht in die dunkle Wohnung zurückkehren,
nicht sofort. Dort klang momentan jedes Geräusch hohl und aus jeder
Ecke sprang sie etwas an, an dem sie sich festbeißen
konnte.
Gegenüber des Kinos führt eine kleine Gasse zu
weiteren engen Straßen der Altstadt. Die niedrigen Häuser dort
stehen Mauer an Mauer und sind alle in den letzten Jahren restauriert
worden. Die Fenster lassen Rückschlüsse auf die Bewohner
zu.
Verspieltes wechselt sich mit nüchternem ab. Ihre
Assoziationen dazu begleiten ihre Schritte und sie beurteilt die
Menschen hinter den Mauern.
Architekten, Lehrer, Ärzte, meist
ohne kindlichen Anhang, denn für Kinder ist hier nur wenig
Platz.
Nur am Ende der Gasse gibt es ein Eckhaus das noch nicht
restauriert ist. Dichte Falten in den verblichenen Stores, die die
Einsicht verbergen. Osterkakteen, deren vertrocknete Blüten die
Töpfe säumen, dazwischen Alpenveilchen mit gelb geränderten
Blättern in denen sich die letzten Fliegen des Sommers ihrer
tödlichen Ruhe hingeben, nachdem sie wahrscheinlich tagelang
verzweifelt summend gegen die Fenster geflogen sind.
Sie bleibt
unvermittelt vor dem Fenster stehen, wie vor einem Schaufenster. Das
Ambiente lässt auf einen älteren Menschen schließen, entweder eine
allein lebende alte Frau, die es nicht mehr schafft ihren Alltag in
gewohnter Gründlichkeit zu erledigen, oder einen allein lebenden
Mann, der die Gewohnheiten seiner Frau weiterhin bestehen lässt,
auch wenn sie längst nicht mehr lebt.
So oder so eine unangenehme
Vorstellung vom Alter und vom älter werden.
Sie reißt sich
los von der Trostlosigkeit, schiebt die Hände ein wenig tiefer in
die Taschen und geht weiter, als wäre sie gerade jetzt zu irgend
etwas entschlossen.
Wahllos biegt sie um Straßenecken zwischen
hohen alten Gebäuden. Vorbei an Frisörläden, Lottokiosken und
türkischen Gemüsehändlern. Schmutzig grauer Stuck und farbloser
Putz wechseln sich ab.
Die meisten Fenster sind bläulich
erleuchtet von den Fernsehbildschirmen über die das Leben flimmert.
Hinter einigen erheben sich erregte Stimmen in Zorn und Frust, die
bis auf die Straße dringen.
Sie hatte gehofft bei dem Weg durch
die Stadt etwas zu finden, das gegen die eigene Unzufriedenheit
Wirkung zeigen würde.
Vor ihr vier gelbe Rechtecke auf dem
Boden. Der Lichtschein durch das gelb eingetönte Glas zu der
Gaststätte dahinter. Gelbes Glas mit runden Facetten wie
Flaschenböden, für Blicke von außen undurchdringlich.
Über der
Tür eine altersschwache Leuchtreklame, deren verbliebene
Leuchtstoffröhre schon gefährlich flackert. Aber das scheint die
Art Kneipe zu sein die keinen Namen braucht, weil hier sowieso immer
die gleichen Gäste einkehren, generationsweise von den eigenen
Nachkommen abgelöst.
Neben der Tür ein kleiner Schaukasten mit
der üblichen Liste deutscher Hausmannskost und einer doppelt so
langen Getränkeliste.
Später kann sie nicht mehr sagen warum
sie die verschrammte Messingleiste nach innen gedrückt hat und
hinein gegangen ist. Vielleicht hat sie etwas vertrautes gesucht,
oder etwas das sich so anfühlen würde.
Einen Meter hinter der
Tür noch ein schwerer Velourvorhang an einer Messingschiene, das war
früher mal stilvoll, heute riecht der Stoff nach kaltem Rauch und
all den sinnlosen Worten die sich in ihm verfangen.
Ein Ecktresen,
ein paar unregelmäßig aufgestellte Tische, alles in dunklem Holz.
Bügelfreie Tischdecken mit Plastikblumengestecken. Die Menschen wie
zufällig an ihren Platz gestreut, ohne erkenntlichen Zusammenhang.
Nur zwei ältere Männer diskutieren über Fußball. Die anderen
schweigen, starren sie an als sie eintritt und starren wieder dorthin
zurück wo sie vorher hingestarrt haben. Blicklose Leere, nur der
Wirt hinter dem Tresen versucht freundlich zu sein als sie vor ihn
tritt. Sie gibt sich Mühe sicherer zu erscheinen als sie eigentlich
ist und weil ihr so schnell nichts anderes einfällt bestellt sie ein
Bier. „Gezapft oder Flasche?“, fragt der Wirt, dessen behaarter
Bauch sich zwischen Hemd und Hose zeigt als er ein Glas in das Regal
über den Tresen stellt. „Flasche“, entscheidet sie. „Glas“
fragt er. Sie nickt.
Er stellt die Flasche vor sie hin, öffnet
mit der gleichen Hand den Verschluss und kippt ihr etwas von dem Bier
in das Glas, bis der Schaum den Rand erreicht und stellt dann beides
vor ihr ab. Es lohnt nicht einen Strich auf einem Bierdeckel zu
machen. Solche wie sie bleiben hier nicht lange. Mehr als ein Bier
trinkt die eh nicht.
„Zwofuffzich“, damit ist von seiner Seite
die Konversation vorerst beendet.
Sie legt ihm das Geld abgezählt
auf den Tresen.
Ein Mann, jünger als die anderen Gäste,
kommt aus einer Tür im hinteren Bereich. Wahrscheinlich von der
Toilette, geht direkt zum Tresen, sieht aus den Augenwinkeln zu ihr
rüber und lehnt sich dem Wirt über den Tresen entgegen. Sie
versteht nichts von dem was gesagt wird. Jetzt sieht er sie offen an,
der Wirt wendet den Kopf und nickt kurz in ihre Richtung als er
spricht, als würde er auf sie deuten. Der andere nickt, bestellt
etwas beim Wirt. Er bekommt ein gezapftes Bier und der Wirt stellt
ein Cognacglas vor sie hin. „Von dem Herrn da drüben“, nickt er
in Richtung des Mannes. Ein recht ungewohnter Satz für seinen Mund,
der Klang wirkt hier fremd.
Sie nimmt das Glas, prostet in
Richtung des Spenders und kippt es in einem Zug hinunter. Er zieht
eine Augenbraue hoch und kommt zu ihr herüber. „So durstig?“ Sie
schämt sich, weiß keine Antwort und weiß auch nicht warum sie das
getan hat. Per Fingerzeig bestellt er noch einen für sie. Der Wirt
schenkt aus der Flasche in das benutzte Glas nach. Der Mann neben ihr
nickt und der Wirt hebt die Flasche noch einmal etwas höher. Das
Glas ist jetzt halb voll. Er hebt ihr sein Bierglas entgegen.
„Na
denn, Prost schöne Frau.“ Sie nickt, stößt gegen sein Glas und
kippt wieder alles in einem Zug runter. Es brennt in der Kehle, sie
mag gar keinen Cognac, schüttelt sich kurz und spült den Geschmack
mit einem großen Schluck Bier hinunter.
Sie hat nicht das
Bedürfnis mit dem Mann zu reden und ihm fällt auch nichts ein, als
ihr noch ein Glas zu bestellen. Der Wirt schenkt noch einmal
großzügig nach. Sie spürt die erste Wirkung des Alkohols. Ein
leises Rauschen in ihrem Kopf, dass sie eigentlich warnen sollte,
weil es nur der Anfang von dem ist, was noch kommen wird. Die Warnung
ignorierend stürzt sie auch das nächste Glas noch in einem Zug
hinunter. Dafür ignoriert ihre Zunge bereits den seifigen Geschmack
und wird sich in wenigen Minuten lockern. Der Mann neben ihr wartet
eine Weile stumm ab und sieht ihr dabei die ganze Zeit unverhohlen
ins Gesicht, als würde er darin etwas entdecken können. Sie gibt
sich Mühe alles hinter einem Gesicht ohne Ausdruck zu verbergen,
aber wahrscheinlich kann er ihre Einsamkeit riechen. Warum sonst wäre
sie wohl hier eingekehrt.
„Immernoch durstig“, fragt er
nach einer Weile in ihr hohles Gesicht, vielleicht auch nur um
irgendetwas zu sagen.
Ein Kichern steigt albern in ihr hoch. „Sie
wollen mich wohl betrunken machen?“
„Ja, und dann verführe
ich sie, sie werden mir hörig und wir beide bleiben für den Rest
unserer Tage zusammen.“ „Ja ja, das könnte ihnen so passen“,
grinst sie leicht nuschelnd vor sich her. „Wenn´s ihnen gefallen
würde, warum denn nicht?“
„Dann haben sie bestimmt ihr weißen
Pferd draußen vor der Tür?“
„Genau, ganz edler Lipizzaner.
Na, noch einen?“
Sie nickt, jetzt ist es sowieso schon fast
egal. Ihr Urteilsvermögen hat sich gerade eben verabschiedet.
Vielleicht, wenn sie jetzt noch ein paar Gläser trinkt, wer weiß,
man kann ja nie wissen, vielleicht ist er ja wirklich der Mann mit
dem Pferd.
Er bestellt, sie trinkt.
„Und sie haben wirklich
ein Pferd?“ „Nein, das nicht, aber ich kann reiten“, dabei
zieht er die Augenbrauen vielsagend nach oben um die Zweideutigkeit
der Aussage noch zu unterstreichen. Sie prustet, als wäre das jetzt
der Witz des Jahres. „Und ich kann wiehern.“ Ihr Kopf lehnt sich
an seine Schulter und bleibt dort liegen. Zuviel Vertraulichkeit für
diesen kurzen Moment, aber er greift zu, legt den Arm um ihre
Schultern und drückt sie an sich und seine Nase in ihr Haar. „Du
duftest so gut.“
Ja, nach Büro und Kino, denkt sie, schweigt
aber. Seine Hand spielt mit ihren Haaren. „Schönes Haar hast du.“
Seine Hand greift ihr Kinn damit sie ihn ansehen muss. „Und so
schöne Augen.“ Sie versucht seinen Blick zu halten, aber er
verschwimmt ihr. Sie bläst den Atem in einem Stoß über die
Unterlippe aus, lehnt ihre Stirn an seine Schulter. Seine Hand
streichelt ihren Nacken, sie möchte jetzt schnurren.
Er hebt die
Hand, macht dem Wirt ein Zeichen mit Zeige- und Mittelfinger.
Der
Wirt stellt ein neues Glas zu ihrem und kippt beide halbvoll. Die
Männer sehen sich an, stilles Einverständnis im
Blick.
„Zapfenstreich für heute“, verkündet der Wirt laut in
die Runde. Murrend werden Stühle geschoben und Bierdeckel auf den
Tresen geworfen.
Einer begehrt auf. „Und die Frau? Und
Kalle?“
„Für die Dame rufen wir gleich ein Taxi und Kalle
hilft mir beim Stühle hochstellen!“
Die anderen wollen auch
mal, die Stühle hochstellen, wenn sich eine hierher verirrt und beim
Kalle hängenbleibt. Aber hier sind Aufgaben und Gelegenheiten seit
Jahren in fester Hand, da kann man nichts dran rütteln.
Als der
letzte sich in seine Jacke geschoben hat schließt der Wirt hinter
ihm die Tür.
Kalle hält ihr das Glas vor die Nase. „Hier,
trink aus!“ Sie muss das Glas mit beiden Händen halten. Er stößt
mit ihr an. Noch einmal stürzt sie alles auf einmal hinunter. Er
rettet das Glas vor dem Absturz, als sie es fast neben den Tresen
stellt.
Hinter ihr steht der Wirt, ganz nah. Sie spürt seine
Gegenwart und lehnt sich rückwärts gegen seinen Wirtsbauch. Seine
Hände umgreifen sie, dort wo schon lange keiner mehr hingegriffen
hat. Der andere spreizt ihre Beine und reibt dazwischen bis sie sich
ihm entgegen schiebt.
„Billardzimmer“, fragt Kalle. Der Wirt
nickt, dann führen die beiden Männer sie in eines der hinteren
Zimmer.
Freitag, 25. Juni 2010 - 23:49 Uhrflüchtig
leise klirrend zieht sich
ein Ring aus dem
anderen
treibt hinaus in seichten Wellen
geht Tropfen um
Tropfen
zum steinerweichen
immer näher
bis sich nichts mehr
bricht
bis alles glatt und klar
und eins ist
miteinander
weiche Wellen brechen nicht
spülen seichte
alles fort
was unklar ist und rau
ziehen in den Bann in ihrer
Mitte
wo sich alles trifft und eint
dort zieht es uns hinab
in
andre Tiefen
die wir nicht fassen können
bis uns kein Atem
bleibt
wir stoßen auf den Grund
von allem
in uns
selbst
im miteinander
und tragen uns
auf Wellen fort
vom
sein